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Anton Schütter (1903 - 1943)

„ ... dem Lebenskampf nicht gewachsen.“


08.01.1943 KZ Mauthausen
13.01.1943 KZ Gusen
08.04.1943 Tod im KZ Gusen


Anton Schütter wurde am 16. Dezember 1903 in Altshausen (im heutigen Landkreis Ravensburg) unehelich geboren. In einem später im Gefängnis verfassten Lebenslauf gab er unter anderem an: „Uneheliche Kinder waren bei meinen ganzen Verwandten mütterlicherseits überall vorhanden.“
Wie in vielen Fällen von Sicherungsverwahrten standen uns für die Rekonstruktion auch seiner Biografie lediglich Gefangenenpersonalakten, Gutachten und Urteilsbegründungen zur Verfügung und damit Quellen, die überwiegend die Sichtweise der Strafverfolgungsbehörden zu seiner Person widergeben.

Seine ersten Lebensjahre verlebte Anton Schütter bei Mutter und Großmutter. Von Februar 1912 bis Mai 1917 war er im, heute nicht mehr existierenden, katholischen Erziehungsheim Piuspflege in Oggelsbeuren untergebracht. Vom Mai 1918 bis zum 1. April 1922 wurde er im St. Gebhardihaus Hegenberg in Meckenbeuren jugendfürsorgerisch betreut. Offenbar fanden sich ungünstige Beurteilungen durch beide Einrichtungen in Anton Schütters Gefangenenpersonalakte. Im Abschlussgutachten des Zuchthauses Ludwigsburg vom 17. April 1936 wurde hieraus zitiert: „Er fiel dort wegen seiner Willensschwäche, seiner Neigung zum Lügen und Stehlen und wegen seiner offensichtlichen psychopathischen Minderwertigkeit unangenehm auf. Ähnliche Beobachtungen wurden im St. Gebhardihaus Hegenberg [gemacht]. Er kam nach seiner Entlassung dort zu einem Landwirt Weißhaupt in Gornhofen, der sich nicht genug über den frechen Burschen beklagen konnte und schließlich froh war, als er eines Morgens verschwunden war."
1922 meldete sich Schütter zur Schutzpolizei, wurde aber nach kurzer Zeit wieder entlassen. Trotz absolvierter Schriftsetzerlehre, arbeitete er dann überwiegend in der Landwirtschaft, gelegentlich auch auf dem Bau und in Fabriken in Ebingen, Aalen und Göppingen.

Immer wieder wurde er straffällig. In der Zeit zwischen 1924 und 1932 erhielt er 14 Gefängnis- und Zuchthausstrafen wegen Diebstahls, Betrugs, Urkundenfäschung, Bettelns und Landstreicherei. Sein Verhalten als Strafgefangener wurde durchweg schlecht beurteilt. Es hieß, er sei verschlossen, launisch, jähzornig, scheinheilig, verschlagen, Drückeberger, unzuverlässig, wichtigtuerisch, gegen Mitgefangene frech, boshaft, gegen Beamte vorlaut, verlogen, mißtrauisch. Im Zuchthaus erhielt er verschiedene Hausstrafen, verfasste selbst aber auch viele Eingaben und Beschwerden. In Haft hatte er Stenographie gelernt und schrieb seine Briefe nun in Kurzschrift, worauf der Gefängnisdirektor anordnete, dass in Steno verfasste Karten und Briefe „in Zukunft nicht mehr befördert werden“.

Image
Anton Schütter, ED-Foto, StAL E 356 d V Bü 609

Nach seiner Entlassung aus dem Landesgefängnis Amberg im Dezember 1933 versuchte er, in Nürnberg mit der Eröffnung einer Schreibstube eine Existenz zu gründen, scheiterte jedoch an der Finanzierung. In seiner Verzweiflung verübte er zwei Suizidversuche, weshalb er vom 1. März bis zum 20. April 1934 und vom 19. bis 22. September 1934 in der psychiatrischen Abteilung des Krankenhauses Nürnberg stationär aufgenommen wurde. In dieser Zeit brachte seine Verlobte am 4. April 1934 den gemeinsamen Sohn zur Welt, trennte sich danach aber von Schütter. 

Für zwei, nach Aufgabe des Geschäftes, erschwindelte Fahrräder und einen Gehrock wurde er am 23. Januar 1935 durch das Amtsgericht Ehingen zu 1 Jahr 4 Monaten Zuchthaus abzüglich zweier Monate Untersuchungshaft verurteilt, die er im Zuchthaus Ludwigsburg verbüßte. 
In dem von Zuchthauspfarrer und -direktor verfassten Abschlussgutachten des Zuchthauses vom 17. April 1936 erhielt er eine schlechte Sozialprognose:
„Schütter ist unehelich geboren. Die Erziehungsverhältnisse waren nicht ausreichend, weshalb Zwangserziehung eintreten musste. [...] Seine Unbeständigkeit, Wankelmütigkeit und Arbeitsscheu, seine Willensschwäche, Unbelehrbarkeit und Überheblichkeit ließen ihn immer wieder straffällig werden. Er ist nicht unbegabt; seine formale Schulbildung ist allerdings ziemlich gering, aber durch eine gewisse Belesenheit und Sprachgewandtheit fühlt er sich zu Höherem geboren, zum Schriftsteller, Volksredner und Reformator. Er ist sehr empfindlich, von großer Selbstbewertung. Daher denkt er auch nicht an körperliche Arbeit, wenn er sich Gedanken über die Gründung einer neuen Existenz macht. Beim Misslingen seiner Pläne ist dann auch die Enttäuschung sehr groß, weshalb er in Nürnberg einen Nervenzusammenbruch erlitt und einen Selbstmordversuch machte. Schütter ist eine schwerblütige, grüblerische Natur, zur Fremdkritik aber nicht zur Selbstkritik geneigt [...].
Die Führung in den Strafanstalten war jeweils mehr oder weniger getrübt. Beständigkeit in der Arbeit ist nicht seine Sache. Im Vorbringen von Wünschen aller Art ist er nicht sonderlich bescheiden. [...] Auch während der letztvergangenen Strafzeit traten die negativen Seiten seines Charakters eindeutig hervor. [...] Vermöge seines schwankenden, haltlosen Wesens, seiner psychopathischen Charakterzüge und dem Unvermögen, sich selbst zu bescheiden, ist Schütter dem Lebenskampf nicht gewachsen. Er mag zwar das Haus [die Haftanstalt , S.B.] mit guten Vorsätzen verlassen haben, es fehlt ihm aber an der Kraft, zäh sich durchzusetzen. Da er schon von vornherein falsch anfängt, sind seine Pläne in der Ausführung zum Scheitern verurteilt. Dann ist auch sein guter Wille verbraucht und er hemmungslos seinen verbrecherischen, asozialen Trieben ausgeliefert. Der Grad seiner Gefährlichkeit war bisher verhältnismäßig gering. Es wäre jedoch möglich, dass seine Gefährlichkeit zunähme. Die Nachwirkungen des Strafvollzugs werden auch diesmal sehr gering sein. Demzufolge muss auch die vorläufige soziale Prognose als ungünstig bezeichnet werden."
Nach Verbüßung seiner Strafe am 23. März 1936 wurde er nach Nürnberg, Penzstraße 5 entlassen, wo seine Ex-Verlobte ihre Wohnung hatte.

Vermutlich wurde bei einer der nächsten, uns aber nicht bekannten, Verurteilungen Sicherungsverwahrung nach der Haftstrafe angeordnet, denn Anton Schütter wurde am 9. August 1940 von dem der Justiz unterstehenden Emslandlager VII Esterwegen/Ems in die Sicherungsanstalt Straubing überführt (eine Abteilung im Gefängnis, in der die Sicherungsverwahrten nach Strafverbüßung in den Maßregelvollzug verlegt wurden).
Infolge der im September 1942 getroffenen Vereinbarung zwischen Reichsjustizminister Otto Georg Thierack und Reichsführer SS und Chef der deutschen Polizei Heinrich Himmler, dass alle Sicherungsverwahrten, die bisher der Justiz unterstanden und in den Sicherungsanstalten einsaßen, schubweise an die Polizei zur "Vernichtung durch Arbeit" in den Konzentrationslagern ausgeliefert werden sollten, wurde Anton Schütter am 8. Januar 1943 mit einem Transport von insgesamt 207 Sicherungsverwahrten aus Straubing in das Konzentrationslager Mauthausen verbracht. Er erhielt dort die Kategorie Sicherungsverwahrter („SV“) und die Häftlingsnummer 20897. Nach wenigen Tagen, am 13. Januar, wurde er in das nahegelegene KZ Gusen verlegt, wo die Häftlinge vor allem beim Stollenbau für die Untertageproduktion von Jagdflugzeugen durch Schwerstarbeit massenhaft den Tod fanden. Anton Schütter starb dort am 8. April 1943 im Alter von 39 Jahren. Auch er ist ein Opfer der rechtswidrigen Übereinkunft von Justiz und SS und den daran anschließenden Willkürmaßnahmen.

Die Markierung auf der Übersichtskarte zeigt Anton Schütters vermutlich letzte frei gewählte Wohnadresse Penzstraße 5 in Nürnberg.

Quellen

Arolsen Archives
1.1.34 Emslandlager (Papenburg)/1.1.34.1 Listenmaterial Papenburg
DocID: 129585772

Staatsarchiv Ludwigsburg
E 356 d V Bü 609

Memorial Mauthausen
(https://raumdernamen.mauthausen-memorial.org/)

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