Eberhard Dreschner (1919 - 1943)
03.12.1942 KZ Mauthausen
03.01.1943 gestorben im KZ Mauthausen
Eberhard Dreschner wurde am 3. Februar 1919 in Riedenheim/Unterfranken geboren. Eberhards Mutter Anna Bleymeier, später verheiratete Dreschner, war eine geborene Reinhardt. Sie heiratete Wilhelm Konrad Dreschner am 5. September 1923 in Laudenbach bei Weikersheim. Wilhelm Rati [anderswo auch: Konrad] Dreschner, war am 6. September 1898 in Mönsheim in Baden (heute Enzkreis) geboren worden.1
Die Mutter Anna wurde am 28. August 1933 in der Frauen-Strafanstalt Gotteszell (Schwäbisch Gmünd) vom Württembergischen Polizeipräsidium Stuttgart fotografiert.2
Eberhard lebte vermutlich bereits von der Familie getrennt3, als er im Mai 1938 vom Landgericht Gießen zu einer Gefängnisstrafe von zwei Jahren wegen Bandendiebstahls verurteilt wurde. Da er keine Vorstrafen hatte, erkannte ihm der Richter wegen seines jugendlichen Alters (19 Jahre) mildernde Umstände zu.4
Für die Zeit vor der KZ-Einweisung finden sich keine Quellen zu seinem Aufenthaltsort und seinen Lebensverhältnissen. Es ist immerhin wahrscheinlich, dass folgende Darstellung auch für Eberhard Dreschner galt:
Am 18. September 1942 wurde zwischen Heinrich Himmler und Reichsjustizminister Otto-Georg Thierack die „Auslieferung asozialer Elemente aus dem Strafvollzug an den Reichsführer SS zur Vernichtung durch Arbeit vereinbart“5. Vorgesehen war, dass sämtliche in Justizvollzugsanstalten einsitzenden Juden, Sinti, Russen und Ukrainer und Polen mit einer Strafe von über 3 Jahren und sämtliche Sicherungsverwahrten an die Polizei zu überstellen waren.
Organisiert wurde die Aktion vom Reichsjustizministerium. Nach Prüfung der Erfüllung der formalen Kriterien wurden die Listen mit den betroffenen Justizhäftlingen dem Reichssicherheitshauptamt (RSHA) zugesandt, welches die Namen an die örtliche Polizei weiterleitete, die dann den Abtransport von den Strafanstalten in die KZs organisierte. Im Sommer 1943 war die Aktion weitgehend abgeschlossen.6
Dreschners KZ-Einlieferungsdatum, seine Häftlingsnummer und -kategorie lassen darauf schließen, dass er ein Opfer dieses rechtswidrigen Abkommens war. Denkbar wären dann zwei Möglichkeiten: Dreschner wurde von der Justiz entweder aus der Strafhaft oder aber aus der Sicherungsverwahrung ins KZ abgeschoben. Demnach wäre folgender Verfolgungsvorgang plausibel: Eberhard Dreschner ist möglicherweise nach Verbüßung seiner ersten Strafe nochmals straffällig geworden und mit einer Strafe von über 1 Jahr (bzw. von über 3 Jahren) belegt worden. Dann hätte er mit dem Kriterium „Sinto mit Strafe von über 3 Jahren“ der genannten Thierack-Himmler-Vereinbarung entsprochen und wäre aus der Justizhaft der SS – und damit in ein KZ – zu überstellen gewesen.
Eventuell wurde Eberhard Dreschner nach dem ersten Gerichtsurteil in die Strafanstalt Herford oder das Gefängnis Heilbronn zur Strafverbüßung aufgenommen. Es besteht auch die Möglichkeit, dass er nach Ableistung der Strafe entlassen und später, anschließend an ein zweites Urteil, zunächst in eine Sicherungsanstalt verbracht und von dort dem KZ Mauthausen ausgeliefert wurde. Eine Sicherungsanstalt war eine Abteilung in einem Gefängnis, in der die Sicherungsverwahrten nach Strafverbüßung in den Maßregelvollzug verlegt werden sollten. Gegen die Vermutung, dass die Justiz gegen ihn Sicherungsverwahrung verhängt haben könnte, spricht freilich Dreschners jugendliches Alter und seine strafrechtliche Unauffälligkeit bis zu seiner ersten Verurteilung. Auch rigide NS-Gerichte ordneten Sicherungsverwahrung in der Regel nur dann an, wenn sich aus der bisherigen Biografie mit hoher Wahrscheinlichkeit eine Gefahrenprognose ableiten ließ. Die Voraussetzung, dass ein Gericht Sicherungsverwahrung anordnen konnte, war eine Verurteilung des Betreffenden als „gefährlicher Gewohnheitsverbrecher“ nach Paragraph 42e Strafgesetzbuch (RStGB). Dieses „Gesetz gegen gefährliche Gewohnheitsverbrecher und über Maßregeln zur Sicherung und Besserung“ war im November 1933 geschaffen worden, u.a. waren darin die bisherigen Strafen für Wiederholungstäter drastisch verschärft worden.
Zu Eberhard Dreschner hat der Internationale Suchdienst (ITS) in Bad Arolsen bzw. haben die Arolsen Archives keinen Nachweis einer Polizeihaft. Eine Kriminalpolizei(leit)stelle als einweisende Behörde ist genauso wenig nachgewiesen wie ein anderes KZ vor seiner Verschleppung nach Mauthausen. Es ist dies als ein weiterer Hinweis darauf zu werten, dass er direkt von der Justiz ins KZ abgeschoben wurde.
Eberhard Dreschner kam am 3. Dezember 1942 in das KZ Mauthausen. An diesem Tag wurden bei einem Transport 59 Häftlinge dorthin verschleppt und als BV (SV) mit den Nummern 15668-15726 erfasst.7 Eberhard Dreschners Häftlingsnummer im KZ Mauthausen war 15676, die Häftlingskategorie „B.V./S.V.“ (=“Berufsverbrecher“/“Sicherungsverwahrter“). Eine Woche später, am 11. Dezember 1942, wurde er in das benachbarte KZ Gusen überstellt, Häftlingsnummer dort war 4548. Nach dem „Totenbuch des KZ Mauthausen-Gusen“ starb der Dreiundzwanzigjährige am 3. Januar 1943, also drei Wochen nach seiner Verschleppung nach Gusen, an „Allgemeine[m] Körperverfall, Kreislaufschw[äche]“. Seine Urne wurde von der „Abtl. Krema.“ der „Unterkunft Gusen“ „nach Mauthausen“ zurück geschickt. Sein Tod wurde vom Sonderstandesamt Bad Arolsen 1958 in der Abteilung Mauthausen unter der Nummer 5196/1958 beurkundet. Der Internationale Suchdienst (ITS) stellte 1959 eine Versterbens-Bestätigung von Eberhard Dreschner im KZ Gusen aus.
Ob im Januar 1943 die Nachricht von seinem Tod seine Familie an ihrem Wohnort in Darmstadt noch erreichte bevor sie selbst wegen ihrer Abstammung von Sinte im März 1943 von dort in das Konzentrationslager Auschwitz deportiert wurde, kann ich beim Stand der Recherche noch nicht sagen.8
Zu Eberhard Dreschner gibt es inzwischen einen Namenseintrag im „Raum der Namen“ in der KZ-Gedenkstätte Mauthausen Memorial (https://www.gedenkstaetten.at/raum-der-namen/cms/index.php?id=4&p=52617). Der Eintrag stammt von Eberhards Cousin Franz Dreschner, dem nach dem Krieg geborenen Sohn des überlebenden Bruders Theodor von Wilhelm Rati/Konrad Dreschner. Franz Dreschner schildert das Schicksal der Familie und zeigt zwei Fotos von Eberhards Eltern Anna und Wilhelm Rati/Konrad.
Die Eltern und die meisten Geschwister Eberhard Dreschners wurden im Nationalsozialismus ermordet. Die Mutter Anna Drescher, geboren am 20.11.1901, starb am 11.10.1943 in Auschwitz-Birkenau. Der Vater Wilhelm Rati Dreschner, geboren am 06.09.1898 in Mönsheim, ist in Auschwitz-Birkenau verschollen. Vermutlich wurde der Vater mit den bis dahin am Leben gebliebenen Kindern am 2. August 1944 im Gas ermordet.
Die 12 jüngeren Geschwister von Eberhard waren mit Namen nach ihren Geburtsdaten und Geburtsorten, die Umgekommenen mit ihren Sterbedaten9:
Maria, geboren am 17.01.1921 in Kocherstetten, gestorben 1998 in Bayern,
Josef, geb. am 24.02.1923 in Schäftersheim nahe Bad Mergentheim, KZ Mauthausen, gestorben 2000 in Baden-Württemberg,
Johanna, geb. am 29.09.1926 in Wermutshausen, heute zur Stadt Niederstetten im Main-Tauber-Kreis, gestorben in Auschwitz-Birkenau am 10.04.1944,
Philipp, geb. am 29.10.1929 in Adolzhausen, heute zur Stadt Niederstetten im Main-Tauber-Kreis, in Auschwitz-Birkenau verschollen,
Karl, geb. am 05.05.1930 in Spielbach, in Auschwitz-Birkenau verschollen,
Rosa, geb. am 17.01.1932 in Höpfingen zwischen Walldürn und Hardheim, in Auschwitz-Birkenau verschollen,
Friedrich, geb. am 02.09.1933 in Schrozberg, in Auschwitz-Birkenau verschollen,
Amalia, geb. am 03.06.1935 in Göttingen, in Auschwitz-Birkenau verschollen,
Emma, geb. am 23.09.1936 Unter-Seibertenrod, heute bei Ulrichstein, gestorben in Auschwitz-Birkenau am 03.05.1943,
Therese, geb. am 05.04.1938 in Braunhausen, in Auschwitz-Birkenau verschollen,
Wilhelm, geb. am 07.06.1940 in Darmstadt, gestorben in Auschwitz-Birkenau am 25.04.1943
und
Marie, geb. am 21.11.1941 in Darmstadt, gestorben in Auschwitz-Birkenau am 28.04.1943.
Die Markierung auf der Übersichtskarte zeigt Eberhard Dreschners Geburtsort Riedenheim.
- 1
Laut dem Geburtenregistereintrag von Mönsheim war Wilhelm Rati Dreschners Geburtsort nicht „Münzheim“ wie im „Gedenkbuch. Die Sinti und Roma im Konzentrationslager Auschwitz-Birkenau, Bd. 2 Hauptbuch Männer“ auf S. 982f. bzw. S. 127 angegeben.
- 2
Anna Dreschners Foto steht beim Eintrag ihres Sohnes Eberhard in der Datenbank des Mauthausen Memorial im „Raum der Namen“.
- 3
Eberhard Dreschner steht nicht in den Frankfurter und Darmstädter Berichten (siehe in den Quellen Heuß und Sandner).
- 4
Der ITS in Bad Arolsen überliefert das Urteil vom 10. bzw. 23. Mai 1938 bei den Personalakten der Strafanstalt Herford. Die Urteilsabschrift hat einen Eingangsstempel der „Gefängnisse Heilbronn am Neckar“ vom 2. Juni 1938.
- 5
Vgl. Nikolaus Wachsmann: Gefangen unter Hitler, München 2006, S. 310 und 314f.
- 6
Ebenda, S. 314f.
- 7
Arolsen Doc. 1321033; am selben Tag kam noch ein weiterer Transport mit 7 „BV“-Häftlingen an, Arolsen Doc. 1321034.
- 8
Eine Anfrage bei der Friedhofsverwaltung von Darmstadt hat keinen Nachweis von Eberhard Dreschner oder Bleymeier in den Friedhofsbüchern ergeben (Auskunft vom 15. September 2026). Das heißt, dass die Urne nicht in Darmstadt bestattet wurde. Im KZ Mauthausen war es seit Sommer 1941 üblich, dass mehrere Leichen gleichzeitig verbrannt wurden. Die Aschen wurden täglich auf Baustellen etc. verstreut. Vgl. Hans Maršálek: Die Geschichte des Konzentrationslagers Mauthausen. Wien Linz 1995, S. 155 f.
- 9
Siehe in den beiden Bänden des Gedenkbuches: Die Sinti und Roma im Konzentrationslager Auschwitz-Birkenau, in Band 1 S. 336f., Hauptbuch Frauen S. 311f. und in Band 2 S. 982f., Hauptbuch Männer S. 127.
Quellen:
Standesamt Röttingen für Riedenheim, Geburtenregistereintrag Eberhard Dreschner, geb. am 03.02.1919, Kopie bei UG.
Standesamt Mönsheim, Auskunft v. 22.03.2010, mit Kopie d. Geburtenregistereintrags Wilhelm Rati Dreschner, geb. am 06.09.1898, bei UG.
Heimatmuseum und Stadtarchiv Stadt Wertingen für Bliensbach, Geburtenregistereintrag Nr. 19/1901, Anna Reinhardt, später Bleymeier, geb. am 20.11.1901 in Bliensbach, Auskunft v. 15.04.2010, mit Kopie d. Geburtenregistereintrags, bei UG.
Internationaler Suchdienst Bad Arolsen (International Tracing Service), Auskunft zu Eberhard Dreschner, vom 01.04.2010 (Frau Margret Schmidt), bei UG. Mit Kopien aus folgenden Dokumenten:
1. Doc. No. 1321033#1 (1.1.26.1/0189-0307/0281/0115) KZ Mauthausen -Zugangsliste vom 03.12.1942-
2. Doc. No. 1281476#1 (1.1.26.1/0001-0188/0028/0082) KZ Mauthausen -Zugangsbuch-
3. Doc. No. 1277525#1 (1.1.26.1/0001-0188/0005/0021) KZ Mauthausen -Auszug aus Nummernbuch-
4. Doc. No. 1291030#1 (1.1.26.1/0001-0188/0092/0004) KZ Mauthausen -Totenbuch des KZ Mauthausen-Gusen-
5. Doc. No. 1291030#2 (1.1.26.1/0001-0188/0092/0004) KZ Mauthausen -Totenbuch des KZ Mauthausen-Gusen-
6. Doc. No. 1301636#1 (1.1.26.1/0001-0188/0147/0006) KZ Mauthausen -Freigabescheine Krematorium Gusen-
7. Doc. No. 1301296#1 (1.1.26.1/0001-0188/0145/0129) KZ Mauthausen -Urnenversand-.
Arolsen Archives (International Tracing Service):
Copy of 1.2.2.1 / 11656573, Auszüge aus Personalakten von Gefangenen der Strafanstalt Herford. Mitgeteilt von Frau Sylvia Dreschner am 24.08.2026, E-Mail mit Scans bei UG.
Arolsen Archives: „Häftlingskategorien und ihre Abkürzungen.“ (https://eguide.arolsen-archives.org/fileadmin/eguide-website/downloads/Haftarten_dt.pdf , abgefragt am 21.08.2026).
Gedenkbuch. Die Sinti und Roma im Konzentrationslager Auschwitz-Birkenau. Band 1 Hauptbuch Frauen und Band 2 Hauptbuch Männer. Herausgegeben vom Staatlichen Museum Auschwitz-Birkenau in Zusammenarbeit mit dem Dokumentations- und Kulturzentrum Deutscher Sinti und Roma, Heidelberg. Redaktion Jan Parcer. München u.a. 1993.
Herbert Heuß: Darmstadt, Auschwitz: die Verfolgung der Sinti in Darmstadt. Für den Verband Deutscher Sinti und Roma, Landesverband Hessen herausgegeben von Adam Strauß. 1. Aufl. Darmstadt 1995 (=“Hornhaut auf der Seele“; Band 1) [inzwischen existiert eine 2., veränderte Auflage, Seeheim 2005] [siehe in der ersten Auflage S. 98f. zur Mutter und zu den Schwestern von Friedrich Dreschner]
Peter Sandner: Frankfurt. Auschwitz. Die nationalsozialistische Verfolgung der Sinti und Roma in Frankfurt am Main. Frankfurt am Main 1998 (=“Hornhaut auf der Seele“; Band 4), S. 335f.
Text zu Eberhard Dreschner im „Raum der Namen“ des Mauthausen Memorial, unter https://www.gedenkstaetten.at/raum-der-namen/cms/index.php?id=4&p=52617 [Die z.T. geringfügig abweichenden Daten des Sonderstandesamtes Bad Arolsen bei den Geburts- und Sterbedaten der Familienmitglieder sind den Angaben im „Raum der Namen“ angeglichen, UG].
Text und Recherche:
Udo Grausam, Tübingen
Stand: 18. September 2026
www.kz-mauthausen-bw.de