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Franz Krauss (1900 - 1949)

"... den Widerständen des Lebens nicht gewachsen"

März 1933 KZ Heuberg
15.09.1936 Verhaftung
16.01.1937 KZ Dachau
27.09.1939 KZ Mauthausen
18.02.1940 KZ Dachau

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Krauss_Franz_Formular
ITS Digital Archive, Arolsen Archives Dok. 90419181 - FRANZ KRAUSS

Franz Krauss wurde am 25. März 1900 in Böckingen (heute ein Stadtteil von Heilbronn) als Sohn des Franz Krauss sen. und seiner Ehefrau Wilhelmine, geborene Metzger, geboren. Nach dem Besuch der Volksschule erlernte er den Beruf des Steindruckers. Im Ersten Weltkrieg wurde er vom 7. Mai 1918 bis Kriegsende bei der Truppe Schwere MG Ludwigsburg eingesetzt. Danach schloss er sich einem Freikorps an. Es dürfte sich einem Formulareintrag der Württembergischen Politischen Polizei zufolge um das Freikorps "Schleswig-Holstein", Reg. Nr. 314 gehandelt haben, das zunächst als Wachtruppe in Berlin fungierte und dann im Sommer 1919 im Hamburg gegen die "Roten" kämpfte. Danach diente die Einheit als Hamburger Hafenschutztruppe.

In der Spätzeit der Weimarer Republik wandte Krauss sich der politischen Linken zu. Seit 1932 war er Mitglied der Kommunistischen Partei (KPD) und deren Nebenorganisation "Kampfbund gegen den Faschismus" in Heilbronn. Nach der nationalsozialistischen Machtübernahme wurde Krauss deshalb verhaftet und für einige Zeit in das KZ Heuberg bei Stetten am kalten Markt verbracht.

Krauss geriet mehrfach mit dem Gesetz in Konflikt, was ihm etliche Gefängnisstrafen eintrug. Dabei ging es neben einem Fall von gefährlicher Körperverletzung um eher kleinere Delikte wie Betrug, Beleidigung, Hehlerei und Ruhestörung. Zuletzt, als er eine vom Amtsgericht Heilbronn wegen „grobem Unfug“ verhängte sechswöchige Haftstrafe abgesessen hatte, wurde er – ob direkt bei der Entlassung aus dem Gefängnis oder nach kurzer Zeit in Freiheit ist nicht geklärt – am 15. September 1936 in Heilbronn verhaftet und in das dortige Gefängnis eingeliefert. Zu jener Zeit war er geschieden, hatte eine Tochter und wohnte in der Erhardgasse 11 in Heilbronn.

Von der Gestapo in Schutzhaft genommen, kam Krauss über das Polizeigefängnis Welzheim am 16. Januar 1937 in das Konzentrationslager Dachau. Dort trug er an seiner Häftlingskleidung den roten Winkel mit einem Querbalken, der ihn als "rückfälligen" Schutzhäftling auswies. Vom 9. Februar 1937 bis zum 23. März 1937 wurde er von Dachau aus an einen nicht genannten Ort überstellt. Möglicherweise war noch ein weiteres Strafverfahren gegen ihn anhängig, zu welchem ihn die Justiz aus dem KZ angefordert hatte.

Im Zuge der zeitweiligen Umnutzung des Lagers Dachau nach dem deutschen Überfall auf Polen für Ausbildungszwecke der SS kam Krauss mit einem großen Häftlingstransport am 27. September 1939 in das Konzentrationslager Mauthausen. Über die Zeit seines Aufenthalts in Mauthausen sind keine Einzelheiten bekannt. Wahrscheinlich musste er im dortigen Steinbruch arbeiten.

Am 18. Februar 1940 erfolgte die Rücküberstellung nach Dachau. Dabei erhielt er wie die meisten der rücküberstellten Dachauer Häftlinge eine neue Nummer. Spätestens ab diesem Zeitpunkt trug Franz Krauss die Häftlingsnummer 136, Kategorie "Schutzhaft 2x KL". Er wurde in Block 2 untergebracht. Auch aus dieser Zeitphase sind nur wenige Daten bekannt: am 24.3.1941 wurde sein Wehrpass zu den Effekten genommen; am 21.10.1941 sandte das Wohlfahrtsamt Heilbronn, Abteilung Familienfürsorge, dem KZ Dachau auf Anfrage eine "Mittellosigkeitsbescheinigung": "Krauss stand vor seiner Inschutzhaftnahme viele Jahre in öffentlicher Fürsorgeunterstützung". Am 19.10.1943 bestätigte eine Johanna K., geborene Krauss (vermutlich eine Schwester des Franz Krauss), in Leipzig den Empfang zweier Hemden, einer Unterhose und einiger weniger weiterer Effekten des Häftlings. Es kam vor, dass auch Habseligkeiten von lebenden Häftlingen an Angehörige geschickt wurden. Die konkreten Gründe hierfür sind in diesem Fall aber nicht bekannt.

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Krausss_Franz_Dachaukarte
KZ Dachau Schreibstubenkarte,
ITS Digital Archive, Arolsen Archives Dok. 10686315

Ende April 1945 wurde Franz Krauss in Dachau befreit; seine Dachau-KZ-Schreibstubenkarte trägt den Stempel „DELIVERED IN THE CAMP BY U.S. ARMY“. Er ging zurück nach Heilbronn, konnte aber in seiner vom Luftkrieg stark in Mitleidenschaft gezogenen Heimatstadt nicht wieder richtig Fuß fassen. Da er aus gesundheitlichen Gründen nicht mehr in seinem alten Beruf als Steindrucker arbeiten konnte, war er bis zum 20. Mai 1947 einige Zeit bei einer US-amerikanischen Einheit als Schreiber beschäftigt, danach beantragte er einen Wandergewerbeschein. Zwar bekam er öffentliche Unterstützung beziehungsweise Wiedergutmachungsleistung zugestanden, doch war die bürokratischen Abwicklung durch eine offenbar konfliktgeladene Atmosphäre belastet. Am 27. November 1946 berichtete die Betreuungsstelle für politisch, rassisch und religiös Verfolgte, Heilbronn, folgenden Vorfall: Krauss habe den gesamten Wiedergutmachungsbetrag von 800.- RM ausbezahlt bekommen wollen. Auf Weigerung schlug er dem Sachbearbeiter ins Gesicht, dass er blutete und das Brillenglas zersprang. Acht Tage zuvor habe er bereits einer Mitarbeiterin gegenüber den gleichen Skandal gemacht, so dass die Polizei einschreiten musste. Krauss komme damit für die Betreuung durch die Betreuungsstelle nicht mehr in Frage.

Am 19. August 1947 stellte Krauss einen formellen Wiedergutmachungsantrag. Immerhin hatte er insgesamt acht Jahre und zehn Monate seines Lebens in den Lagern Heuberg, Mauthausen und Dachau verbringen müssen. Doch die Landesbezirksstelle für die Wiedergutmachung lehnte seine Anerkennung postwendend ab. Am 5. Mai 1949 erneuerte der Öffentliche Anwalt für die Wiedergutmachung, Heilbronn, das Verdikt: "Krauss ist nicht berechtigt, sich als politisch Verfolgter auszugeben, solange diese Anerkennung von der Landesbezirksstelle für die Wiedergutmachung nicht ausgesprochen ist".

Im Oktober 1949 kam die Staatsanwaltschaft Stuttgart, Abteilung IV, welche einschlägige Ermittlungen hatte anstellen lassen, zu dem Schluss: ob Krauss der KPD tatsächlich angehörte, sei nicht einwandfrei festzustellen. Dass er mit ihr sympathisierte aber schon. Er habe manchmal kommunistische Zeitungen verkauft, sei aber sonst nicht als aktiver Kämpfer aufgetreten. Dieses vielleicht bescheidene, aber doch nicht von der Hand zu weisende Widerstandsengagement sollte indes nichts zählen. Um so mehr der kaum verhohlene Sozialdünkel der Staatsanwaltschaft. Denn, so hieß es süffisant weiter: Krauss "wird von den Zeugen als arbeitsscheuer Mensch geschildert, der dem Alkohol stark frönte und ständiger Gast der Wirtschaften in der Heilbronner Altstadt war, wo besonders die Unterwelt verkehrte. Dieses Bild wird durch seine 17 Vorstrafen abgerundet". All diese Vergehen ließen auf "Alkohol und ungeordnete Lebensführung" schließen. Nach der impliziten bürgerlich-staatsanwaltschaftlichen Logik war demnach an das Vorliegen einer politischen Verfolgung nicht zu denken. Zwar war man gezwungen einzuräumen, dass durch Zeugen erwiesen sei, dass Krauss in Dachau das Zeichen der rückfälligen politischen Häftlinge trug. Doch hätten – so die Staatsanwaltschaft – viele Häftlinge den roten Winkel mit Querbalken getragen, ohne politische Häftlinge zu sein. Krauss sei wegen seiner asozialen Lebensführung ins KZ gekommen.

Am 31. Oktober 1949 erhielt Krauss seinen Entschädigungs-Ablehnungsbescheid. Wenige Tage darauf, am 5. November, musste Krauss wegen nächtlichen "Anfällen" im Krankenhaus Heilbronn aufgenommen werden. Krauss, so hieß es in der Nachricht des Krankenhauses, habe keine eigentliche Unterkunft in Heilbronn. Vermutlich seien die Anfälle durch übermäßigen Alkoholgenuss ausgelöst worden. Im übrigen handele es sich "um einen sehr stark erregbaren Mann, der von Natur aus anscheinend den Widerständen des Lebens nicht gewachsen" sei.

Tatsächlich war Krauss, dessen Kräfte ausgereicht hatten, die Entbehrungen und Qualen einer langjährigen KZ-Haft zu überstehen, nun am Ende. Am 29. November 1949 beging er Suizid durch eine Überdosis Schlaftabletten.

Die Markierung auf der Übersichtskarte verweist auf Krauss‘ Wohnadresse in der Erhardgasse in der Heilbronner Altstadt (die Hausnummer Ehrhardgasse 11 existiert nicht mehr).
 


Quellen und Literatur

ITS Digital Archive, Arolsen Archives
1.1.6.2 Individuelle Unterlagen Dachau - Franz Krauss

Staatsarchiv Ludwigsburg
EL 350 I Bü 109

Robert Thoms/Stefan Pochanke: Handbuch zur Geschichte der deutschen Freikorps. O.O. 2001, S. 86.


© Text und Recherche:
Roland Maier, Stuttgart
Stand: Juni 2021
www.kz-mauthausen-bw.de