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Friedrich Stettmund (1904 - 1940)

Half bei der Festnahme eines berüchtigten Raubmörders in Hechingen

1933 KZ Heuberg, KZ Börgermoor
15.04.1938 Verhaftung
09.02.1939 KZ Dachau
27.09.1939 KZ Buchenwald
10.04.1940 KZ Mauthausen
27.05.1940 Tod im KZ Mauthausen

Friedrich Stettmund wurde am 11. September 1904 in Hechingen als Sohn der Eheleute Friedrich und Philippine Stettmund geboren. Er war von Beruf Kaufmann und wohnte in seiner Geburtsstadt in der Guteleuthaustraße 8. Vom Herbst 1930 bis Frühjahr 1932 lebte er in Eisenach (Thüringen). In jener Zeit der Wirtschaftskrise kam er mit Kommunisten in Kontakt, wurde aber auch wegen eines Betrugsdelikts auffällig. Zurück in Hechingen wohnte er bei seiner Tante Eugenie Stettmund im Haus an der Staig 13. Er war Vorsitzender der KPD-Ortsgruppe und „Rädelsführer“ einer Erwerbslosenrevolte im Jahr 1932, was ihm den nachhaltigen Hass des Hechinger Bürgermeisters Paul Bindereif eintrug, der dafür sorgte, dass Stettmund noch im selben Jahr ins Gefängnis kam. Nach der nationalsozialistischen Machtübernahme wurde er 1933 aus dem Gefängnis in das Schutzhaftlager auf dem Heuberg verbracht. Von dort ging es in das Emslandlager Börgermoor, aus dem er am 10. Januar 1934 unter Auflagen nach Hechingen entlassen wurde. Im folgenden Monat kam er für drei Tage erneut in Schutzhaft, und im April musste er eine viermonatige Gefängnisstrafe wegen der Thüringer Betrugssache antreten. Danach war er arbeitslos.

Im Mai 1936 tauchte bei ihm ein alter Bekannter auf, mit dem er vermutlich in seiner Thüringer Zeit im kommunistischen Umfeld in Berührung gekommen war. Es war Erich Schüller, der als Kopf einer berüchtigten Verbrecherbande im Verdacht stand, neben 33 Geldschrankeinbrüchen zahlreiche weitere schwere Straftaten wie Raubüberfälle und auch Morde an einem Kaufmann und einem Gendarmeriewachtmeister begangen zu haben. 24 Personen konnten als Mittäter dingfest gemacht werden, doch Erich Schüller selbst konnte sich der Verhaftung entziehen, weshalb fieberhaft nach ihm gefahndet wurde. Schüller ließ sich von Friedrich Stettmund in der Wohnung seiner Tante, in der er selbst wohnte, beherbergen. Sobald Stettmund durch einen Zeitungsartikel klar wurde, dass es sich bei seinem Gast um einen steckbrieflich gesuchten Schwerverbrecher handelte, wandte er sich an die Polizei. Als nun Schüller, der unterdessen wieder umhergereist war, am 12. September 1936 erneut bei Stettmund aufkreuzte, alarmierte dieser die Gendarmerie, woraufhin eine großangelegte Festnahmeaktion in Gang kam. Stettmund wirkte daran unter Inkaufnahme der Gefahr für sein Leben mit, indem er bei günstiger Gelegenheit dem Schüller Pfeffer in die Augen streute und durch lautes Schreien der Polizei das Signal zum Zuschlagen gab. Schüller schoss hinter Stettmund her, verfehlte ihn jedoch und musste sich mit erhobenen Händen dem Einsatzkommando ergeben. Er wurde zu 15 Jahren Zuchthaus verurteilt.

Großer Dank wurde Stettmund für seinen wagemutigen Beitrag zum Fahndungserfolg nicht zuteil. Zwar wünschten ihm die Lokalblätter nach dem erfolgreichen Coup "durch Beschaffung eines Arbeitsplatzes eine Rückkehr in geordnete Verhältnisse" – doch daraus wurde nichts. Im November 1937 zog Stettmund nach Tuttlingen, Wilhelmstraße 20. Dort wurde er am 15. April 1938 festgenommen. Der Verhaftungszeitpunkt und die Tatsache, dass man ihm in der Presse öffentlich Arbeitslosigkeit und soziale Desintegration attestiert hatte, könnten darauf hindeuten, dass ein Zusammenhang mit der Aprilaktion der Gestapo gegen „Arbeitsscheue“ bestand. Der eigentliche Coup der Gestapo erfolgte zwar erst zwischen dem 21. und 30. April, doch hatten bereits zuvor schon Meldungen örtlicher Behörden und einzelne Verhaftungen stattgefunden.

Einen Hinweis auf den möglicherweise tatsächlichen Grund seiner Verhaftung enthält eine über das Ministerium für Staatssicherheit der DDR überlieferte NS-Quelle. Es handelt sich um die „Zusammenstellung Nr. 1 über unzuverlässige Vertrauenspersonen“ zum Erlass vom 3. Januar 1939 des Geheimen Staatspolizeiamts (Nachrichtenreferat) Berlin. In dieser Liste, die 44 „unzuverlässige“ V-Leute umfasst, wird auch Friedrich Stettmund genannt mit dem Vermerk: „Wohnort: Schutzhaft. Hat nicht nur unwahre Meldungen erstattet, sondern sich auch als Angestellter der Gestapo ausgegeben". Auch wenn diese Quelle keine weiteren Auskünfte über Stettmund bietet, kann damit als erwiesen gelten, dass er für das Nachrichtenreferat (N-Referat) der Geheimen Staatspolizei – Stapoleitstelle Stuttgart – zumindest eine Zeitlang als Vertrauensmann galt.1 Dies möglicherweise bereits zu jener Zeit, als er aktiv zur Verhaftung des Schüller beigetragen hatte. Auf der genannten Liste finden sich weitere Belege, dass es durchaus vorkommen konnte, dass V-Leute der Gestapo wegen Fehlinformationen ins KZ verbracht wurden. So hieß es beispielsweise über einen  Conrad Albert: "Wurde wegen Nachrichtenschwindels von d. Stapo Saarbrücken in Schutzhaft genommen", einen weiteren aufgelisteten V-Mann ereilte „wegen lügenhafter Berichterstattung“ das gleiche Schicksal.2

Am 9. Februar 1939 brachte die Gestapo Stettmund in das Konzentrationslager Dachau, wo er als "rückfälliger" (weil bereits 1933 im KZ Heuberg gewesener) Schutzhäftling Nummer 32.436 geführt wurde. Am 3. April 1939 wurde er an einen nicht genannten Ort überstellt. Möglicherweise war noch ein Justizverfahren oder eine Haftstrafe gegen ihn anhängig. Am 16. August kam er zurück nach Dachau und wurde von dort anlässlich der zeitweiligen Umnutzung des Lagers für Ausbildungszwecke der SS per Häftlingsgroßtransport am 27. September 1939 in das KZ Buchenwald verlegt (Buchenwald-Schutzhäftling Nr. 1.639 „rückf. Schutz“, Häftlingsblock 28). Von Buchenwald wurde er am 10. April 1940 in das Konzentrationslager Mauthausen überführt, wo er am 27. Mai 1940 angeblich an "Magen-und Darmkatarrh, Herz- und Kreislaufschwäche" im Alter von 35 Jahren starb.

Über ein eventuelles Wiedergutmachungsverfahren ist uns bisher nichts bekannt.

Die Markierung auf der Übersichtskarte verweist auf Friedrich Stettmunds letzte Wohnadresse vor seiner KZ-Einweisung, Wilhelmstraße 20 in Tuttlingen.

  • 1

    Zu den V-Leuten der Stuttgarter Gestapo allgemein: Ingrid Bauz, Sigrid Brüggemann, Roland Maier (Hg.): Die geheime Staatspolizei in Württemberg und Hohenzollern. Stuttgart, 3. Aufl. 2018, S. 384-386.

  • 2

    Ähnlich erging es auch der Vertrauensfrau der Stuttgarter Gestapo Jaqueline Lablanche de Bonnefont, die sich als GM („Gegnermann“ [sic]) in den gegnerischen Kreisen bewegte und laufend Nachrichten lieferte. Lablanche de Bonnefont kam wegen falscher Berichterstattung ins KZ. Vgl. Bauz, Gestapo 2018, S. 385).

Quellen und Literatur

Arolsen Archives
1.1.6.7 Schreibstubenkarten Dachau / Stettmund
1.1.5.3. Individuelle Häftlingsunterlagen - KL Buchenwald - Friedrich Stettmund
Doc. 5279411 Veränderungsmeldung Buchenwald 10.4.1940 
Doc. 131532641

Bundesarchiv
R 58/4259 (gesperrt)
R 58/9873 Liste „unzuverlässige Vertrauenspersonen“
R 58/10293

Searching Dachau Concentration Camp Records in One Step (https://stevemorse.org/dachau/dachau.html)

Heidelberger Neueste Nachrichten v. 23.9.1936

Rolf Vogt: Schüllers Flucht endet an der Staig, Schwarzwälder Bote 9.5.2011.

Rolf Vogt: Erich Schüller - Die Staig wird sein Verhängnis, in: Hohenzollerische Heimat, Jg. 61 Nr. 1, März 2011, S. 63-65.

Jens Kolata: Die Aprilaktion der Gestapo, in: Ingrid Bauz, Sigrid Brüggemann, Roland Maier (Hg.): Die geheime Staatspolizei in Württemberg und Hohenzollern. Stuttgart, 3. Aufl. 2018, S. 324 ff.

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