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Georg Auwärter (1895 - 1941)

1939/ 1940 KZ Mauthausen
15.08.1940 KZ Dachau
04.03.1941 gestorben im KZ Dachau

Georg Auwärter wurde am 19. Mai 1895 als zweites von vier Kindern des Ehepaares Maria und Michael Auwärter in Lindach, inzwischen der nördlichste Stadtteil von Schwäbisch Gmünd, geboren. Maria Auwärter war Hausfrau, Michael Auwärter war Viehhändler und verdingte sich als Bauer auf verschiedenen Höfen. Dies zwang die Familie zu häufigen Umzügen und die Kinder zu ebenso vielen  Schulwechseln. Georg besuchte die Volksschulen in Lindach, Ruppertshofen, Mittelbronn und Birkenloh. Sein Berufsleben begann er als Tagelöhner in der Landwirtschaft. Zu Beginn des Ersten Weltkriegs am 28. Juli 1914 wurde der damals Neunzehnjährige zum Militär eingezogen, wo er schwer an Typhus erkrankte und zur Gesundung in ein Seuchenlazarett kam. Nach der Genesung kehrte er zu seiner Truppe zurück. Das Gemetzel an der Front überlebte er, wurde mit dem Eisernen Kreuz II. Klasse und der Silbernen Verdienstmedaille ausgezeichnet und kehrte im November 1918 in seine Heimat zurück. Sein Vater war inzwischen an den Folgen eines Schlaganfalls verstorben.

In der Schule war Geographie sein Lieblingsfach. Mag sein, dass ihn diese Leidenschaft nach seiner Rückkehr von der Front zu Beginn der 1920er Jahre in die Ferne gezogen hat. Vorerst nur bis nach Obertürkheim, wo er sich einer Auswanderungsgesellschaft anschloss. Von dort trieb es ihn weiter nach Karnap bei Essen, danach nach Bilbao in Spanien, anschließend nach Harlem in den Niederlanden und zuletzt nach Zwickau. 1924 kehrte er nach Schwäbisch Gmünd zurück. Seinen Lebensunterhalt verdiente er sich nun mit verschiedenen Tätigkeiten in der Landwirtschaft, als Hilfsarbeiter und als Sanitäter im Bergbau bei verschiedenen Zechen. Er hatte sich schon 1923 medizinische Kenntnisse in Homöopathie- und bei Sanitätskursen angeeignet. Sein Hauptinteresse galt dem Naturheilwesen und seine freie Zeit hat er „immer mit Heilbehandlung ausgefüllt“. Im Rahmen dieser Tätigkeit ereignete sich auch der ihm vorgeworfene sexuelle Missbrauch Minderjähriger.

Auwärter war nicht verheiratet und wohnte von 1929 bis zur Verhaftung 1937 bei seiner Schwester in Schwäbisch Gmünd. Schon vor 1933 war er Mitglied der NSDAP geworden, ist  jedoch wegen seiner Bestrafung im Juni 1933 wieder aus der Partei ausgetreten. Bereits in der Weimarer Republik war er im "Stahlhelm" aktiv, einem antidemokratischen Bund ehemaliger Frontsoldaten, der der demokratiefeindlichen Deutschnationalen Volkspartei (DNVP) nahe stand.

Im Juni 1933 wurde Auwärter erstmals wegen „Verbrechen wider die Sittlichkeit“ an Jungs unter 14 Jahren zu sieben Monaten Gefängnis verurteilt. Nach nur einem Monat wurde er frühzeitig aus der Haft entlassen. Vor Gericht hatte er „sexuelle Absichten“ geleugnet. Dennoch sprach das damalige Urteil von einer „wollüstigen Absicht“. Am 27. Oktober 1937 stand er erneut wegen Sittlichkeitsverbrechen vor Gericht und wurde zu zwei Jahren Zuchthaus, die er in Ludwigsburg verbüßte, sowie zu einer dreijährigen Aberkennung der bürgerlichen Ehrenrechte verurteilt.

Auf Antrag des Gerichts erfolgte im August 1937 seine zirka vierwöchige Verlegung zur psychologischen Begutachtung in die Nervenklinik der Universität Tübingen. In dem fachärztlichen Gutachten wird unter anderem diagnostiziert: „Auwärter ist eine beschränkte und psychopatische Persönlichkeit. Aus diesen Anlagefehlern heraus kam es dann auch zu einer Fehlentwicklung seiner Geschlechtlichkeit. Seine Neigungen zum anderen Geschlecht führten nicht zu einem normalen Geschlechtsleben. Wie häufig bei solchen Leuten bestehen aber abwegige Neigungen, hier zum gleichen Geschlecht, zu Knaben, Neigungen, denen er in seinen strafbaren Handlungen immer wieder nachgegeben hat trotz der vorausgegangenen Verurteilungen.“ Soweit die damalige Beurteilung von Menschen mit pädophilen Neigungen, zu denen sich Georg Auwärter in den Gerichtsverhandlungen bekannte, dabei jedoch stets „sexuelle Absichten“ zurückgewies. Er gab an, sich nie zu Frauen hingezogen gefühlt zu haben.
Am 27. Oktober 1939 hätte Georg Auwärter aus dem Zuchthaus Ludwigsburg entlassen werden sollen. Es kam jedoch anders. Auf Betreiben der Stuttgarter Kriminalpolizei wurde er stattdessen in sogenannte „Vorbeugungshaft“ in das Polizeigefängnis Stuttgart überführt. In der kriminalpolizeilichen Verfügung hieß es: „Auwärter muss als Wehrunwürdiger nach seiner Entlassung aus dem Zuchthaus (…) in polizeiliche Vorbeugungshaft genommen werden.“ Dies bedeutete die Einweisung in ein Konzentrationslager.

Image
Schreiben
Schreiben der Staatlichen Kriminalpolizei vom 09.09.1939

Laut vorhandener Häftlingsunterlagen war Auwärter bis zum 15. August 1940 im KZ Mauthausen und anschließend im KZ Dachau. Laut dortiger Todesmeldung ist er am 4. März 1941 an „Versagen von Herz und Kreislauf“ im Alter von 45 Jahren verstorben. Die in den Todesmeldungen genannten Todesursachen waren häufig fingiert und verschleierten die wahren Gründe. Die Mehrzahl der Häftlinge ging an den mörderischen Lebens- und Arbeitsbedingungen zugrunde.

Auf der Homepage „Searching Dachau Concentration Camp Records in One Step“ ist Georg Auwärter genannt. Dies ist vermutlich ein erster öffentlicher Hinweis  auf sein Verfolgungsschicksal.

Die Markierung auf der Übersichtskarte weist auf den Wohnort vor der Verhaftung in der Johann-Sebastian-Bach-Straße 10 in Schwäbisch Gmünd.

 

Quellen
Staatsarchiv Ludwigsburg E 356 d V Bü 182

ITS Digital Archive, Arolsen Archives
1.1.6 Inhaftierungsdokumente Dachau, Georg Auwärter

Searching Dachau Concentration Camp Records in One Step https://stevemorse.org/dachau/dachau.html

Bildnachweis
Staatsarchiv Ludwigsburg E 356 d V Bü 1829

 

© Text und Recherche:
Ingrid Bauz, Stuttgart
Stand: Juli 2021
www.kz-mauthausen-bw.de