Johannes Riedesser (1900 - 1943)
31.08.1934 Anordnung der Sicherungsverwahrung
erste Maihälfte 1943 KZ Mauthausen
25.06.1943 KZ Gusen
24.10.1943 Tod im KZ Gusen
Johannes Riedesser wurde am 2. Mai 1900 als unehelicher Sohn der Pauline Riedesser in Waldburg-Dietenberg im heutigen Landkreis Ravensburg geboren. Mit drei Jahren gab ihn die Mutter zu der Pflegefamilie Bott in Amtzell-Goldegger (im heutigen Landkreis Ravensburg) und kümmerte sich fortan nicht mehr um ihn. Er besuchte die Volksschule und arbeitete dann auf dem landwirtschaftlichen Gut seiner Pflegeeltern.
1918 wurde er zum Militär eingezogen, aber noch während der Grundausbildung verurteilte ihn ein Kriegsgericht am 17. September 1918 wegen Fahnenflucht, Widerstand gegen die Staatsgewalt, Widersetzung, erschwerter unerlaubter Entfernung und Diebstahls zu einem Jahr drei Monaten Gefängnis. Einen Teil der Haftstrafe verbüßte er in der Festung in Ulm. Nach der Novemberrevolution 1919 kam er frei, kehrte aber nicht mehr zu seinen Pflegeeltern zurück.
Seine erste Zuchthausstrafe, viereinhalb Jahre, erhielt er Ende 1921 oder Anfang 1922. Im Zuchthaus erlernte er die Korbmacherei. Nach seiner Entlassung heiratete er Franziska, geborene Dietrich. Die Ehe blieb kinderlos und wurde 1932 geschieden.
Bis 1933 kam es zu 20 Anklagen und Verurteilungen mit insgesamt über 10 Jahren Haft. Er beging Diebstähle, Betrügereien, Zechprellereien, Arbeitsstellen verließ er nach wenigen Tagen und entwendete dabei meist noch Gegenstände die er gegen Geld eintauschen konnte.
Sechs Wochen nach Verbüßung seiner 20. Haftstrafe (bei der Urteilsverkündung war ihm für das nächste Strafurteil Sicherungsverwahrung angedroht worden), beging er einen Einbruch bei seinen Pflegeeltern und stahl dabei Kleider, Lebensmittel und eine Taschenuhr. Am 31. August 1934 wurde er von der großen Strafkammer des Landgerichts Ravensburg als „gefährlicher Gewohnheitsverbrecher“ eingestuft und wegen schweren Diebstahls und Betrugs im Rückfall zu drei Jahren Zuchthaus mit anschließender Sicherungsverwahrung verurteilt.
In der Haft wurde er als eine im sozialen Umgang problematische und psychisch auffällige Persönlichkeit wahrgenommen. In Riedessers Zuchthauspersonalakte finden sich zahllose Briefe, die teilweise zurückgehalten wurden, weil er in ihnen immer wieder um Geld bat, aber auch Eingaben und Proteste. In einem Beschluss vom 27. Mai 1935 wurde eine Schreiberlaubnis "in allen Punkten abgelehnt, bevor Riedesser nicht Dringlichkeit nachweist und nähere Angaben macht. [...]
Riedesser ist ein Querulant schlimmster Sorte. Er hat schon unzählige zwecklose Schreibereien gemacht und ist unbelehrbar."
Im Abschlussgutachten des Zuchthauses Ludwigsburg vom 7. September 1937 wurde er als „erblich schwer belastet (ein Onkel hat sich erschossen, eine Tante ist geistesgestört)“ und als „psychopathisch minderwertiger Charakter“ bezeichnet, der seit „dem 17. Lebensjahr ununterbrochen kriminelles Verhalten als Dieb und Betrüger“ an den Tag lege. In Haft sei er "von heftiger Stimmungslabilität", füge sich schwer ein, neige zu Jähzorn und Eigensinn, sei unehrlich und neige bei "Versagung seiner Wünsche zu Ausfälligkeiten, zu eigensinnigem, sturen Trotz".
Es gab etliche Auseinandersetzungen mit anderen Gefangenen aufgrund derer er Hausstrafen erhielt.
Nach Verbüßung der Strafhaft am 1. Juni 1937 wurde er in die Sicherungsanstalt (Abteilung im Gefängnis, in die die Sicherungsverwahrten nach Strafverbüßung in den Maßregelvollzug überführt wurden) Straubing überführt.
Als im September 1942 Reichsjustizminister Otto Georg Thierack und Reichsführer SS und Chef der deutschen Polizei Heinrich Himmler die schubweise Auslieferung aller Sicherungsverwahrten, die bisher der Justiz unterstanden und in den Sicherungsanstalten einsaßen, an die Polizei, zur "Vernichtung durch Arbeit" in den Konzentrationslagern, vereinbarten, war auch Johannes Riedesser unter den Betroffenen. In der ersten Maihälfte 1943 kam er mit einem Transport zusammen mit anderen Gefangenen aus der Sicherungsanstalt Straubing in das Konzentrationslager Mauthausen. Dort wurde er als Sicherungsverwahrter („SV“) registriert und erhielt die Häftlingsnummer 29315. Am 25. Juni 1943 wurde er in das nahegelegene KZ Gusen verschubt, wo die Häftlinge vor allem beim Stollenbau für die Untertageproduktion von Jagdflugzeugen massenhaft durch Schwerstarbeit „vernichtet“ wurden. Dort starb er am 24. Oktober 1943 im Alter von 43 Jahren.
Die Markierung auf der Übersichtskarte zeigt Johannes Riedessers Geburtsort Waldburg-Dietenberg.
Quellen
Arolsen Archives
1.1.26.3 Individuelle Häftlingsunterlagen Männer KL Mauthausen, Johannes Riedesser
Staatsarchiv Ludwigsburg
E 356 d V Bü 491
E 356 d VI Bü 698
Memorial Mauthausen
(https://raumdernamen.mauthausen-memorial.org/)
© Text und Recherche:
Sigrid Brüggemann, Stuttgart
Stand: Juni 2026
www.kz-mauthausen-bw.de