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Karl Gass

(geb. 1899)

Badischer „Gewitter“-Häftling

10.10.1933 bis 16.02.1934 Haft
23.08.1944 KZ Natzweiler
06.09.1944 KZ Dachau
16.09.1944 KZ Mauthausen
23.03.1945 KZ Außenlager Amstetten
05.05.1945 Entlassung aus KZ Mauthausen

Der am 3. Mai 1899 in Köln am Rhein geborene Karl Gass (Schreibung auch: Gaß) hatte ab 1905 acht Jahre die Volksschule in Oberhausen (heute: Rheinhausen im Breisgau) besucht. Er war religionslos (in den KZ-Dokumenten finden sich auch die Angaben „gottlos und „glaubenslos“), verheiratet mit Marie, geborene Hohler, und hatte keine Kinder. Seit 1937 wohnte er mit seiner Frau in der Marbacherstraße 15 in Villingen (in den Nachkriegsdokumenten: Marbacherstraße 17). In den Jahren 1927 bis 1932 betrieb er einen Hausierhandel mit Textilwaren. Später übte er den Beruf eines Generatorheizers aus und arbeitete seit 1937 bei den Wieland-Ulm Metallwerken in Villingen.

Vor der NS-Machtübernahme war er Mitglied und Funktionär der Kommunistischen Partei (KPD), er leitete auch die Zeitschrift „Rotes Echo“. Vom 23. Februar bis 4. Mai 1933 lebte er als Emigrant in Schaffhausen in der Schweiz. Nach seiner Rückkehr wurde er wegen angeblicher illegaler politischer Betätigung am 10. Oktober 1933 verhaftet. Zwar wurde er am 16. Januar 1934 aus Mangel an Beweisen von diesem Tatvorwurf freigesprochen, jedoch noch am selben Tage von der Gestapo im Amtsgefängnis in Villingen in eine einmonatige Schutzhaft genommen.

Im Sommer 1936 wurde ein von ihm gestellter Antrag auf Erteilung eines Wandergewerbescheins zum Vertrieb von Kriegsblindenwaren abgelehnt mit der Begründung: „Da er auch heute noch kommunistischen Ideen huldigt, besteht die Gefahr, dass er das Gewerbe zu staatsfeindlichen Zwecken benützen würde.“

Wahrscheinlich im Zuge der reichsweiten Verhaftungsaktion „Gewitter“ (auch Aktion Gitter und Aktion Himmler genannt) nach dem Umsturzversuch des 20. Juli 1944 wurde er am oder um den 22. August 1944 verhaftet. Diese Aktion betraf ehemalige Funktionäre und Mandatsträger der Sozialdemokraten, Kommunisten und des Zentrums sowie weiterer Parteien der Weimarer Republik. Kurz darauf wurde er von der Gestapo – Stapoleitstelle Karlsruhe – in das Konzentrationslager Natzweiler im Elsass eingewiesen und erhielt dort die Häftlingsnummer 23177 „Pol. RD“ (reichsdeutscher politischer Schutzhäftling). Als das Lager Natzweiler angesichts der sich nähernden Front wenig später aufgelöst wurde, kam er per Sammeltransport am 4./6. September 1944 in das KZ Dachau, wo er als Schutzhäftling Nummer 101479 eingeschrieben wurde.

Bereits am 14./16. September 1944 erfolgte jedoch, ebenfalls per Sammeltransport, die Überstellung in das Konzentrationslager Mauthausen. Hier wurde ihm die Häftlingsnummer 98088 „Polit“ und „DR Sch“ zugeteilt. Nach einer fünfwöchigen Quarantäne blieb er in Mauthausen weiter ohne Arbeitseinsatz, wie dies speziell bei „Gitter/Gewitter“-Häftlingen häufiger der Fall war. Gemäß einem handschriftlichen Vermerk auf seiner KZ-Karteikarte war er für den 27. Dezember 1944 zur Entlassung vorgesehen. Offenbar kam es dazu aber nicht, da auf der selben Karte sein Arbeitseinsatz ab 23. März 1945 im niederösterreichischen Amstetten vermerkt ist. Dort war vier Tage zuvor ein Außenlager errichtet worden, dessen Häftlinge den bei Luftangriffen zerstörten Bahnknotenpunkt wiederherstellen mussten. Möglicherweise wurde Gass dort auch in seiner Berufseigenschaft als Heizer im Bahndienst eingestellt. Nach wenigen Wochen wurde das Außenlager Amstetten wieder geschlossen und die Häftlinge kamen zurück in das Stammlager Mauthausen.

Karl Gass wurde am 5. Mai 1945 auf Anordnung der US-Militärregierung aus dem KZ Mauthausen entlassen. Gemäß seiner zum 31. Mai 1945 datierten Entlassungbescheinigung sei ihm „bei seiner Heimreise und in seinem Heimatort jede Unterstützung“ zu gewähren“. Ausgestellt wurde diese Bescheinigung vom „Deutsches Komitee des ehem. K.L. Mauthausen“ und gezeichnet von dem Journalisten und Widerstandskämpfer Dr. Carl Helfrich (1906-1960), der ebenfalls in Mauthausen inhaftiert gewesen war. Im Juni 1945 kam Gass zurück nach Villingen und betrieb dort einen Obst- und Gemüsehandel. Am 13. Februar 1946 erhielt er einen Ausweis vom Landrat Villingen und vom Hilfsbüro für die Opfer des Nazismus Baden. Für seine Wiedergutmachungsangelegenheit war die Badische Landesstelle für die Betreuung der Opfer des Nationalsozialismus, Zweigstelle Villingen, und später die Außenstelle Freiburg des Landesamt für die Wiedergutmachung zuständig.

Am 1. Dezember 1974 bevollmächtigte Karl Gass die Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes (VVN) Baden-Württemberg e.V., ihn in allen Wiedergutmachungsangelegenheiten zu vertreten.

Karl Gass, der spätestens seit 1947 verwitwet war, starb an seinem Geburtsort Köln (Sterbedatum unbekannt).

Die Markierung auf der Übersichtskarte zeigt seinen Wohnsitz Marbacherstraße 15 in Villingen-Schwenningen. Nach dem Krieg wohnte er im selben Ort in der Germanstraße 13.

 

Quellen

ITS Digital Archive, Arolsen Archives
1.1.29.2 Individuelle Unterlagen Natzweiler
1.1.26.3 Individuelle Unterlagen Männer Mauthausen
1.1.38.1 Listenmaterial Sachsenhausen
DocID: 10647022 (Karl GASS)
DocID: 67130264, 67130265 (Karl GASS)
DocID: 128452117 Transportliste nach Mauthausen

Staatsarchiv Freiburg
D 180/2 Nr. 221918 (Spruchkammer Südbaden)
F 196/1 Nr. 2680 (Landesamt für die Wiedergutmachung Außenstelle Freiburg)

Generallandesarchiv Karlsruhe
456 G 1 Nr. 4561 (Entlassungsscheine Durchgangslager (Dulag) 1918-1923)


    © Recherche und Text:
    Roland Maier, Stuttgart
    Stand: September 2023
    www.kz-mauthausen-bw.de