Johann Kaspar Schneck (1903 - 1940)
27.06.1938 KZ Dachau
21.03.1939 KZ Mauthausen
29.02.1940 Tod im KZ Mauthausen
Johann Kaspar Reinhardt wurde am 6. August 1903 in das Geburtenregister von Fremdingen nahe Nördlingen in Bayern zunächst unter dem Namen seiner damals noch unverheirateten Mutter Friederika Barbara Reinhardt eingetragen. Erst als sie am 20. Mai 1908 in Apfelbach (heute zu Bad Mergentheim im Main-Tauber-Kreis) Karl Schneck heiratete und dieser Johann Kaspar als seinen Sohn anerkannte, erhielt Johann Kaspar den Nachnamen Schneck. Diese Namensänderung ist bis heute im Fremdinger Geburtenregister nicht beigeschrieben.
1930 ließ der erwachsen gewordene Sohn Johann Kaspar sich vom Fotografen Karl Weiß in Buchen im Odenwald fotografieren. Auf das Glasnegativ notierte der Fotograf mit einem Spezialstift „Kaspar Schneck Rengershausen Amt Mergentheim“.
Kaspar Schneck wohnte damals nur noch kurze Zeit in Rengershausen, 1931 zog er nach Bad Mergentheim um. Nach drei Jahren meldete Kaspar Schneck sich von dort ab, da er „ständig auf Reisen“ sei. In der Abmeldung ist als sein Beruf Händler angegeben.
Über sein Leben nach 1934 gibt es nur Anhaltspunkte. Ob er wie seine Brüder in den Sommern in Güglingen oder Umgebung im Straßenbau arbeitete und ob er auch als Musiker auftrat, ist noch nicht herausgefunden.
Auch ob Kaspar Schneck 1938 in Horrheim im Kreis Vaihingen a. d. Enz wirklich in der „Gündelbacher Straße 263“ gewohnt hat, als er im Juni verhaftet wurde, wäre noch zu überprüfen. In der undatierten Einwohnerkarte von Horrheim ist er als Hilfsarbeiter eingetragen. Unter die mit Tinte geschriebene Hausnummer 263 hat jemand mit Bleistift „Grosselfinger“ notiert: vielleicht ist das der Name seines Arbeitgebers oder der des Vermieters? Beide Adressen: die von Bad Mergentheim und die von Horrheim, erscheinen in den zeitgenössischen Unterlagen und in den Dokumenten aus der Nachkriegszeit.
Kaspar Schneck wurde am 27. Juni 1938 in das Konzentrationslager Dachau verschleppt. Er war Opfer einer von der Kriminalpolizei durchgeführten Massenverhaftung der sogenannten „Aktion Arbeitsscheu Reich“. Bei dieser am 13. Juni 1938 einsetzenden Aktion wurden reichsweit 9.497 Personen verhaftet. Die Männer aus dem Bereich der Kripoleitstelle Stuttgart wurden in das KZ Dachau eingewiesen.1 Kaspar Schnecks Häftlingsnummer in Dachau war 17.582, die Häftlingskategorie „AZR“, das heißt „Arbeitszwang Reich“. Am selben Tag wie er wurde mit der Wohnadresse Wachbacher Straße in Bad Mergentheim, Franz Schneck (Dachaunummer 17.635 „AZR“) eingewiesen. Er war sein Cousin, ein Sohn des Onkels Heinrich Schneck. Vermutlich sind die beiden Männer nicht gemeinsam verhaftet worden, denn Kaspar Schneck war schon aus Bad Mergentheim fortgezogen, und Franz Schneck erwähnt in seiner Entschädigungsakte aus den fünfziger Jahren keine gemeinsame Verhaftung mit Kaspar Schneck in Bad Mergentheim.
Aus Kaspar Schnecks Verhaftung im Juni 1938 wird dann seine Abwesenheit in Güglingen im August 1938 erklärlich, als seine Angehörigen dort, die Eltern und Geschwister, während sie im Straßenbau „Teerarbeiten“ verrichteten, von den nationalsozialistischen „Rasseforschern“ „rassenanthropologisch“ ‚untersucht‘ wurden. Ein Beleg für diese ‚Untersuchungen‘ findet sich in den sogenannten „Arbeitsberichten“ von Adolf Würth2 im Bestand der „Rassenhygienischen und bevölkerungsbiologischen Forschungsstelle im Reichsgesundheitsamt“.3
Im „Zugangsbuch“ des Konzentrationslagers Dachau ist Kaspar Schneck als Musiker bezeichnet. Weitere Belege über seine Haftzeit gibt es in den historischen Häftlingsunterlagen des Konzentrationslagers Dachau, heute digitalisiert in den „Arolsen Archives“, dem ehemaligen „Internationalen Suchdienst“ in Bad Arolsen in Hessen.
Durch eine Transportliste in den Häftlingsdokumenten nachgewiesen ist seine Weiterverschleppung in das Konzentrationslager Mauthausen am 21. März 1939. Das Sonderstandesamt Bad Arolsen kennt als seine Häftlingsnummer dort 1.572. Laut der Gedenkstätte Mauthausen starb Kaspar Schneck am 29. Februar 1940. Es steht aufgeschrieben, er sei um 2 Uhr an „Grippe, Lungenentzündung, Herz- und Kreislaufschwäche“ gestorben. Er war 36 Jahre alt.
Kaspar Schnecks Leiche wurde im Krematorium von Steyr in Österreich verbrannt. Höchstwahrscheinlich wurde seine Asche dann auf dem Gelände des Urnenfriedhofs am Taborweg 8 im Stadtteil Tabor bestattet. Heute steht im Urnenfriedhof ein Mahnmal mit einer Gedenktafel: „1938-1945 Im Gedenken an die 4.585 Menschen, die von den Faschisten im KZ Mauthausen getötet und im Krematorium Steyr verbrannt wurden“. Dort gibt es von der Stadt Steyr auch das NS-Mahnmal zur Erinnerung an die Opfer des Nationalsozialismus: Es ist ein Bronzerelief eines knienden Mannes mit erhobenen Armen und der Mahnung „Nie vergessen“.
Das Sonderstandesamt Bad Arolsen hat den Tod von Johann Kaspar Schneck im Jahre 1962 unter der Nummer 1.723 in der Abteilung Mauthausen beurkundet.4
Kaspars Vater Karl starb kurz vor Kriegsende am 1. April 1945 in Schwäbisch Hall bei einem Luftangriff.5
Kaspars Mutter Friederika Barbara Schneck geborene Reinhardt starb am 26. Januar 1955. Auch seine Geschwister haben die Nazi-Verfolgung überlebt.
Die Markierung auf der Übersichtskarte zeigt Kaspar Schnecks Horrheimer Adresse Gündelbacher Straße 263 (heute: Maulbronner Straße 131).
- 1
Vgl. Jens Kolata: Zwischen Sozialdisziplinierung und „Rassenhygiene“. Die Verfolgung von „Asozialen“, „Arbeitsscheuen“, „Swingjugend“ und Sinti, in: Bauz, Ingrid, Sigrid Brüggemann, Roland Maier (Hg.): Die geheime Staatspolizei in Württemberg und Hohenzollern. Stuttgart, 3. Aufl. 2018, S. 321-337.
- 2
Adolf Würth (1905-1997), Anthropologe und „Zigeunerforscher“. Seine Arbeiten bildeten die Grundlage des NS-Völkermords an den Sinti und Roma.
- 3
Bundesarchiv Bestand R 165.
- 4
Das Sonderstandesamt kannte den Geburtsort Fremdingen von Johann Kaspar Reinhardt, später Schneck, aus dem Eintrag im Fremdinger Geburtenregister.
- 5
Geburtenregistereintrag in Prevorst von 1881. Laut der Auskunft des Stadtarchivs Schwäbisch Hall starb Karl Schneck im Diakoniekrankenhaus an einem „Hirn- und Lungensteckschuß infolge feindlichen Fliegerangriffs“. Das war drei Wochen vor dem Ende der Kämpfe um die Stadt. Karl Schnecks Grab liegt auf dem Oberen Nicolaifriedhof in Schwäbisch Hall.
Quellen
Staatsarchiv Ludwigsburg
EL 350 I Bü. 4571, Franz Schneck.
FL 300/33 II Bü. 803, Franz Schneck.
Stadtarchiv Bad Mergentheim, Meldekartei-Karte Rengershausen, Kaspar Schneck.
Stadtarchiv Schwäbisch Hall, Auskunft vom 03.09. 2012. Zu Karl Schneck.
Standesamt Fremdingen, Geburtenregister 1903, Eintrag vom 6. August 1903, Johann Kaspar Reinhardt. Auskunft vom 20.11.2020, Scan bei Udo Grausam.
Gemeinde Horrheim, Einwohnerkarte Kaspar Schneck, ohne Datum, Scan bei UG.
Gemeinde Oberstenfeld, Geburtenregistereintrag von Gronau vom 12. Mai 1881 über „Carl“ Schneck, Kopie bei UG.
Gemeinde Wallhausen, Geburtenregistereintrag von Hengstfeld vom 31. Januar 1879 über Friederika Barbara Reinhardt verheiratete Schneck, Kurzmitteilung vom 02.06. 2010, Kopie bei UG.
Auskunft vom Internationalen Suchdienst Bad Arolsen vom 05.10.2010.
Auskunft von den Arolsen Archives International Center on Nazi Persecution vom 02.02.2021, Reference Services, Frau Heike Müller:
https://collections.arolsen-archives.org/de/search/person/document/10747607?s=Kaspar%20Schneck&t=2114589&p=0 , Signatur 01010607_287, Konzentrationslager Dachau, Dokumente mit Namen ab SCHMITZ, Johann, Document ID: 10747607 (Kaspar SCHNECK), abgefragt am 28.09.2022.
https://collections.arolsen-archives.org/de/document/130429321 , Konzentrationslager Dachau, Zugangsbuch, Häftlingsnummer 012405-017846, Document ID: 130429321, abgefragt am 28.09.2022. Zu Franz Schneck.
Gedenkstätte Mauthausen/Österreich, Eintrag in der Datenbank „Raum der Namen“: https://raumdernamen.mauthausen-memorial.org/index.php?txtSearch=Kaspar+Schneck&txtClickedName=&id=5&L= , abgefragt am 6.10.2020.
Zum Urnenfriedhof in Steyr/Österreich: https://de.wikipedia.org/wiki/Urnenfriedhof_am_Tabor , abgefragt am 28.09.2022. https://de.wikipedia.org/wiki/Urnenfriedhof_am_Tabor#/media/Datei:Urnenfriedhof_am_Tabor_-_NS-Mahnmal_08_Detail.jpg , abgefragt am 28.09.2022. https://de.wikipedia.org/wiki/Urnenfriedhof_am_Tabor#/media/Datei:Urnenfriedhof_am_Tabor_-_NS-Mahnmal_01.jpg , abgefragt am 28.09.2022.
Arno Huth (KZ-Gedenkstätte Neckarelz): Verfolgung der Sinti, Roma und Jenischen im ländlichen Raum des Kraichgaus, des Neckartals, des Elztales und des Baulandes. Eine Dokumentation. Hrsg. von der KZ-Gedenkstätte Neckarelz e.V. Mosbach-Neckarelz 2009.
Beispiel Kaspar Schneck (von Udo Grausam). Im Beitrag: „Ausgrenzung, Verfolgung und Deportation der Sinti im Altkreis Buchen“. Von Arno Huth mit Beiträgen von Udo Grausam. In: 1250 [Zwölfhundertfünfzig] Jahre Buchen (Odenwald). Beiträge zur Buchener Geschichte. Herausgegeben von der Stadt Buchen (Odenwald). Redaktion: Tobias-Jan Kohler. Buchen (Odenwald) 2023. (=Zwischen Neckar und Main. Schriftenreihe des Vereins Bezirksmuseum e.V. Buchen; Band 39), S. 260-295, hier S. 274-276.
Bildnachweis:
Kaspar Schneck im Atelier Karl Weiß 1930. Bezirksmuseum Buchen, Bildarchiv Karl Weiß. Beiträge zur Buchener Geschichte 2023, S. 274. Herkunft/Rechte: Bezirksmuseum Buchen / Karl Weiß (CC BY-NC-SA)
© Text und Recherche:
Udo Grausam, Tübingen
Stand 5. Juni 2026
www.kz-mauthausen-bw.de