Ludwig Pfister (1900 - 1944)
17.12.1942 KZ Mauthausen
19.12.1942 KZ Gusen
10.04.1943 KZ Auschwitz
04.05.1944 Tod im KZ Auschwitz
Ludwig Pfister wurde am 16. Oktober 1900 in Bischwind (im heutigen Landkreis Schweinfurt, Bayern) geboren und katholisch getauft. Am 13. Juli 1928 heiratete er Rose Berta, geborene Schwenger. Das Paar bekam eine Tochter und drei Söhne.
Anfang Februar 1935 zog er nach Schwäbisch Gmünd und wohnte dort im Gebäude Becherlehen 1/2. Auf seiner Meldekarte sind 13 Vorstrafen vermerkt, jedoch ohne Delikte und Strafen. Das Becherlehen (auch „Lüllig-Dorf“ genannt), war eine einfache Barackensiedlung, welche die Stadt 1928 errichtet hatte, um Obdachlose und als sozial unerwünscht stigmatisierte Personen fernab der Innenstadt unterzubringen. Zu einem uns nicht bekannten Zeitpunkt kamen die anderen Mitglieder seiner Familie nach. Am 5. Mai 1938 zog die Familie in das Gebäude Becherlehen 1/6 um.
Auf der Meldekarte Ludwig Pfisters ist unter dem Datum 19. September 1938 eine weitere Vorstrafe eingetragen - möglicherweise eine längere Gefängnis- oder Zuchthausstrafe. Dieser Umstand könnte erklären, weshalb er beim nächsten Umzug seiner Familie in die Gmünder Ledergasse 40/1 am 6. September 1941 nicht mehr in der Wohnungskartei aufgeführt wurde, obwohl auch die neue Adresse auf seiner Meldekarte eingetragen ist (die neue Adresse wurde von den Behörden als seine Heimatadresse geführt, auch wenn er dort nicht wohnte, weil wohl davon ausgegangen wurde, dass seine Abwesenheit vorübergehend sein würde. Die Annahme einer nur vorübergehenden Abwesenheit vom Wohnsitz wiederum spräche dafür, dass, zumindest nach Kenntnis der Meldebehörde, zu diesem Zeitpunkt noch keine Sicherungsverwahrung von einem Gericht nach Strafhaftende angeordnet war).
Es ist nicht bekannt, in welcher Haftanstalt Ludwig Pfister vor seiner Deportation seine Strafe verbüßte, oder ob er in einer Sicherungsanstalt (eine Abteilung im Gefängnis, in die die Sicherungsverwahrten nach Strafverbüßung in den Maßregelvollzug überführt wurden) einsaß. Während die Verschleppung von Sicherungsverwahrten in Konzentrationslager seit September 1942 der Erlasslage entsprach, stellte die Einweisung direkt aus der Justizhaft eher eine Ausnahme dar. Vermutlich wurde Pfister unmittelbar aus dem Strafvollzug der SS überantwortet. Nachgewiesen ist, dass Pfister auf einem Transport war, der von einer württembergischen oder bayrischen Sicherungsanstalt aus am 17. Dezember 1942 in das Konzentrationslager Mauthausen führte. Dort wurde er als Sicherungsverwahrter („SV“) registriert. Bereits zwei Tage später wurde er in das nahegelegene KZ Gusen verlegt, wo die Häftlinge vor allem beim Stollenbau für die Untertageproduktion von Jagdflugzeugen rücksichtslos zu Schwerstarbeit angetrieben wurden. Hier erhielt er die Häftlingsnummer 19134.
Am 10. April 1943 wurde Ludwig Pfister in das KZ Auschwitz (Auschwitz III Monowitz) überstellt und dort unter der Kategorie polizeilicher Sicherungsverwahrter („PSV“) mit der Häftlingsnummer 113827 registriert. Am 12. Mai 1943 verlegte man ihn in das Stammlager Auschwitz I. Am 28. Dezember 1943 befand er sich den Akten zufolge in Block 28, einem Bestandteil des Häftlingskrankenbaus, in dem die Ambulanzstation untergebracht war. Am 25. Februar 1944 wurde er auf der Krankenstation mit der Diagnose Peribronchitis chronica (chronische Entzündung des Lungengewebes in der Umgebung der Bronchien) vermerkt. Am 10. März 1944 erfolgte seine Rückverlegung nach Auschwitz III Monowitz. Von dort wies man ihn am 26. April 1944 in das Häftlingshospital ein, wo er am 4. Mai 1944 im Alter von 43 Jahren verstarb. Als Todesursache wurde vom Auschwitzer Lagerarzt auf der Todesbescheinigung Lungenödem bei Pneumonie und Herzschwäche angegeben.
Ende April 2023 erhielt ein Enkel Ludwig Pfisters Post vom Amtsgericht Schweinfurt mit der Bitte, das Grundbuch von 1947 zu berichtigen. Es ging um einen von Ludwig Pfister vererbten Acker, dessen Erben im Lauf der Zeit verstorben waren und der nun an Ludwig Pfisters Enkel gegangen war. Dieser Vorgang war Anlass für den Enkel Rolf Pfister, Nachforschungen über das Schicksal seines Großvaters anzustellen. Wie in vielen Familien ehemaliger KZ-Häftlinge wurde das Thema vermieden, man schämte sich des inhaftierten Familienmitglieds und sprach – oft aus Angst vor möglicher sozialer Stigmatisierung - nicht darüber. Was nicht zuletzt darauf zurückzuführen ist, dass im öffentlichen Bewusstsein der Unrechtscharakter von KZ-Einweisungen nach wie vor oft nicht verstanden ist. Auch Ludwig Pfister war ein Opfer der NS-Ideologie und der Herabwürdigung des Einzelnen als Mittel der Kriegsführung. Dank der engagierten und aufwendigen Recherchen des Enkels konnte sein Schicksal zu einem guten Teil rekonstruiert werden.
Die Markierung auf der Übersichtskarte zeigt Ludwig Pfisters letzte bekannte frei gewählte Wohnadresse Becherlehen 1/6 in Schwäbisch Gmünd.
Quellen
Auskunft von Rolf Pfister, der mir freundlicherweise seine 2023 recherchierten Dokumente zur Verfügung stellte:
Auskünfte vom Stadtarchiv Schwäbisch Gmünd, Dr. Niklas Konzen
Archiv der KZ-Gedenkstätte Mauthausen, Häftlingsdatenbankabfrage
Arolsen Archives ITS, Personenabfrage
Archive State Museum Auschwitz-Birkenau, Auskunft Magdalena Czaja
Nachforschungen in der KZ-Gedenkstätte Dachau und im Staatsarchiv Ludwigsburg blieben ohne Ergebnis
© Text und Recherche:
Sigrid Brüggemann, Stuttgart
Stand: Dezember 2025
www.kz-mauthausen-bw.de