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Otto Morgenstern (1902 - 1945)

„Vorbereitung zum Hochverrat“

 

17.03.1939 KZ Dachau
29.09.1939 KZ Mauthausen
09.11.1939 KZ Dachau
10.11.1944 SS-Sondereinheit Dirlewanger
April 1945 gestorben in sowjetischer Kriegsgefangenschaft


Otto Morgenstern wurde am 17. Januar 1902 im südbadischen Schopfheim als Sohn der Landwirte Leonhard und Wilhelmine Morgenstern geboren. Er besuchte an seinem Geburtsort die Volksschule und die Fortbildungsschule, erlernte das Malerhandwerk und arbeitete bis zu seiner Verhaftung bei verschiedenen Arbeitgebern in Schopfheim und Umgebung. In der Zeit der Ende der 1920er Jahre einsetzenden Weltwirtschaftskrise war er länger arbeitslos. Er war verheiratet mit der 1908 geborenen Martha, geborene Bitsch, und hatte ein Kind.

Morgenstern trat 1930 der Kommunistischen Partei (KPD) bei und war eine Zeitlang deren Unterkassier in Schopfheim. Er gehörte bis zum Verbot 1933 dem Bürgerausschuss in Schopfheim als Mitglied seiner Partei an. Außerdem war er in der Roten Hilfe, der Revolutionären Gewerkschafts-Opposition (RGO), der „Antifaschistischen Aktion“ (Antifa) und im Freidenkerverband organisiert.

Nach der nationalsozialistischen Machtübernahme betätigte er sich illegal weiter für die KPD. Am 5. Juli 1933 wurde er bei der Rückkehr von einem Schmuggelgang in Schopfheim-Gündenhausen mit einem Rucksack mit über 200 kommunistischen Schriften von Gendarmen gestellt. Das Sondergericht Mannheim verurteilte ihn dafür einen Monat später zu einer Gefängnisstrafe von eineinhalb Jahren. Rechtsgrundlage bildete § 4 der „Verordnung des Reichspräsidenten zum Schutz von Volk und Staat“ (die sogenannte „Reichstagsbrandverordnung“) vom 28. Februar 1933. Für einen Strafrest von 138 Tagen erhielt Morgenstern „Strafurlaub auf Wohlverhalten“ mit einer Bewährungsfrist bis 1. September 1937.

Noch während der laufenden Bewährungsfrist wurde Morgenstern am 17. Dezember 1936 erneut verurteilt. Diesmal vom Oberlandesgericht Karlsruhe wegen „Vorbereitung zum Hochverrat“ zu einer Zuchthausstrafe von 2 Jahren und 2 Monaten. Wegen des gleichen Tatvorwurfs angeklagt waren mit ihm sieben weitere Personen aus dem südbadischen Raum. Morgenstern wurde zur Last gelegt, 1935 der illegalen Ortsgruppe der KPD in Schopfheim beigetreten zu sein, mehrfach Beiträge gezahlt und illegale politische Publikationen bezogen zu haben. Seine Strafzeit verbrachte er im Zuchthaus Ludwigsburg und ab Mitte April 1937 im Strafgefangenenlager II Aschendorf bei Papenburg. Zu jener Zeit hatte man dieses der Justiz unterstehende Emslandlager auf eine Kapazität für 1.500 politische Strafgefangene erweitert. Im Aschendorfer Moor verbüßte er seine Zuchthausstrafe restlos bis 17. Oktober 1938. Im direkten Anschluss kam er zur Verbüßung seiner Reststrafe aus dem Urteil von 1933 in das Strafgefangenenlager IV in Walchum – ebenfalls ein der Justiz unterstelltes Emslandlager.

Nachdem auch diese Strafe abgeleistet war, kam er jedoch nicht frei, sondern wurde der Gestapo übergeben, welche ihn nach Abwicklung der Schutzhaftformalitäten in ein Konzentrationslager einwies. Am 19. März 1939 traf er im KZ Dachau ein und wurde als Schutzhäftling Nummer 32738 registriert. Im Zuge der temporären Umnutzung des Lagers Dachau für die militärische Ausbildung einer SS-Einheit wurde er mit einem 1.600 Häftlinge umfassenden Sammeltransport am 27./29. September 1939 in das KZ Mauthausen verlegt. Vermutlich musste er wie die meisten seiner Schicksalsgenossen dort im Steinbruch arbeiten. Bereits am 9. November 1939 allerdings kam er zusammen mit einigen weiteren Häftlingen wie Wilhelm Dollmaier, Josef Engels, Georg Engl und Franz Schrempp von Mauthausen zurück in das KZ Dachau. Nachdem weitere aus Dachau „ausgelagerte“ Häftlinge zurückgekehrt waren, wurden die Dachauer Häftlinge beginnend mit der Zahl 1 in alphabetischer Reihenfolge neu durchnummeriert. Morgenstern wurde die Häftlingsnummer 154 zugeteilt.

Am 10. November 1944 wurde er zusammen mit knapp 200 weiteren Häftlingen aus dem KZ Dachau entlassen und in die ob ihrer Kriegsverbrechen berüchtigte SS-Sondereinheit Dirlewanger eingegliedert. Unter den an diesem Tag in Dachau für „Dirlewanger“ Rekrutierten befanden sich u.a. Wilhelm Buchmüller, Wilhelm Eichel, Josef Engels, Richard Heim und Josef Luger. Die politischen Häftlinge hegten die Absicht, bei sich bietender Gelegenheit zu Deutschlands Kriegsgegnern überzulaufen. Dieses gefährliche Unternehmen gelang gegen Mitte Dezember 1944 bei einem Einsatz nördlich von Budapest. Morgenstern kam mit seinen quer durch die Front übergelaufenen Kameraden in sowjetische Kriegsgefangenschaft. Die Kriegsgefangenen wurden aus der Kampfzone abgezogen und in entbehrungsreichen, von Soldaten der Roten Armee begleiteten Märschen, nach Osten geleitet.

Nach mehreren Zwischenstationen gelangte Otto Morgenstern in das Kriegsgefangenenlager Debrecen in Ungarn. Ein Mitgefangener berichtete nach dem Krieg über die dortigen Verhältnisse: „Das Kriegsgefangenenlager Debrecen war ein Gefangenenlazarett im Rahmen eines russischen Lazaretts. Das Gelände des Lagers war eine ehemalige Tabakfabrik. Ernst Gäßler1 [...] starb an chronischer Gastritis zu der noch infolge ödemartiger Erscheinungen Wassersucht kam. Dies war die Todesursache der meisten unserer Freunde. Ursachen waren die Strapazen auf den Märschen kurz nach dem Überlaufen in Verbindung mit dem geschwächten Zustand, in dem wir uns alle durch die lange Haft im KZ befanden [...]. Morgenstern Otto starb 14 Tage nach Gäßler an genau denselben Ursachen. Leider kann ich keine genaueren Angaben machen. Gefangenennummern hatten wir nicht und den Tag zu rekonstruieren ist fast unmöglich, da wir nicht einmal ein Stück Papier besaßen, um uns Notizen zu machen. Auch unsere Lage war ziemlich verzweifelt.“2

Die Datenbank des Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge e.V. nennt als Otto Morgensterns Todesdatum April 1945 ohne Angabe des Tages. Nach Angaben des Volksbundes konnten seine Gebeine noch nicht geborgen und zum Sammelfriedhof in Budaörs bei Budapest überführt werden.3 Namen und Daten von Gefallenen, deren Überreste bisher nicht geborgen wurden, deren Namen und Daten aber bekannt sind, wurden auf diesem Friedhof in einem dauerhaften Namenbuch aus Metall verewigt.

Die Otto Morgenstern betreffenden Wiedergutmachungsunterlagen konnten von uns aus arbeitsökonomischen Gründen noch nicht eingesehen werden. Im Jahr 1956 kam es zu einem Zivilprozess um Schadenersatz für Schaden an Leben und Rente für die Witwe.

Im Juni 1965 und erneut im August 1974 erkundigte sich ein ehemaliger Dachauer Mithäftling, ein Dr. med. Benzion M. Kotljarenko4 aus dem sowjetischen Gomel, beim Internationalen Suchdienst (ITS) in Arolsen nach einem Otto Morgenstern5 sowie einem weiteren Häftling. Kotljarenko war 1942 als Zwangsarbeiter wegen Flucht von seinem Arbeitsplatz in Pinzberg (Forchheim Oberfranken) festgenommen worden und durchlief anschließend mehrere Konzentrationslager, darunter Dachau (1943-1944). Im KZ Dachau habe er sehr gute deutsche Freunde gehabt, darunter Otto Morgenstern. "Endlich habe ich die Möglichkeit meine Dankbarkeit für diese sehr gute menschliche Menschen auszudrücken und ich bitte Sie mir helfen aussuchen meine deutschen Freunde, ehemalige Häftlinge. Ich will jetzt helfen ihnen wie ein Arzt und ein Mensch. Solche Deutsche haben uns geholfen Leben bleiben und nicht verlieren die Glaube in das Deutsche Volk."5

Die Markierung auf der Übersichtskarte zeigt Otto Morgensterns Wohnadresse Roggenbachstraße 4 im Schopfheim.6

 

  • 1

    Ernst Gäßler (1889-1945) war Mitglied des Badischen Landtags und Reichstagskandidat der KPD gewesen.

  • 2

    Karl Röder 2.7.1947 zit. n. Klausch S. 340.

  • 3

    Die Kriegsgräberstätte Budaörs ist die größte Anlage für deutsche und ungarische Kriegstote in Ungarn. Bis heute haben hier laut Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge e.V. 16.630 Gefallene des Zweiten Weltkriegs ihre letzte Ruhestätte gefunden.

  • 4

    Kotljarenko lebte 1974 unter anderem Namen in Israel, Korrespondenzakte T/D - 36 338.

  • 5

    T/D - 36 338.

  • 6

    Arolsen DocID: 130429835.

Quellen und Literatur:

Arolsen Archives
Korrespondenzakte T/D - 36 338
Doc. 10210925 (OTTO MORGENSTERN) 
Doc. 130429835 
Doc. 10711513 (Otto MORGENSTERN) 
Doc. 9896278 (Zugangsbuch Dachau)
Doc. 9922390 (Dachau-Dirlewanger)

Bundesarchiv
R 317/35931

Staatsarchiv Ludwigsburg
E 356 d V Bü 1429 (Strafanstalt Ludwigsburg Gefangenenpersonalakten)

Generallandesarchiv Karlsruhe 
507 Nr. 11704 (Sondergericht Mannheim)

Staatsarchiv Freiburg 
F 196/1 Nr. 1924 
F 196/1 Nr. 10524 (Wiedergutmachung Martha Morgenstern)
F 166/3 Nr. 5208 (Zivilprozess: Schadenersatz für Schaden an Leben; Witwenrente)

Searching Dachau Concentration Camp Records in One Step (https://stevemorse.org/dachau/dachau.html)

Emil Faller: Zum Gedächtnis an die Opfer der politischen und rassischen Verfolgung in Dritten Reich in Schopfheim. Schopfheim 1976.

Ursula Krause-Schmitt: Heimatgeschichtlicher Wegweiser zu Stätten des Widerstandes und der Verfolgung 1933-1945, Baden-Württemberg II. Frankfurt-Bockenheim 1997, S. 82 u. 84.

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