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Reinhold Steinmann (1899 - 1943)

"In trostlosen Verhältnissen aufgewachsen"

08.09.1943 KZ Dachau
06.12.1943 KZ Mauthausen

Reinhold Steinmann wurde am 2. April 1899 in Esslingen geboren und ist dort auch aufgewachsen. Er hatte vier Brüder und drei Schwestern. Die Familie lebte in sehr ärmlichen Verhältnissen. Bis zu seinem dritten Lebensjahr war er in einem Kosthaus untergebracht, bis er zehn Jahre alt war lebte er bei seinen Eltern und bis zum 17. Lebensjahr in der Heilanstalt Mariaberg in Bronnen (Gammertingen), einer Einrichtung zur „Unterweisung und Erziehung schwachsinniger Kinder“. Dort wurde er zum Schneider ausgebildet, hat jedoch nie in diesem Beruf gearbeitet, sondern hin und wieder als Hilfsarbeiter Gelegenheitsarbeiten im Zirkus oder in der Landwirtschaft ausgeführt.
Er besuchte zuerst die Volksschule in Wäldenbronn und musste im Alter von elf Jahren auf die Hilfsschule wechseln. Von Anfang September 1933 bis Ende Juni 1934 war er mit Maria Steinmann, geborene Wohlfahrt, verheiratet und wurde Vater eines Kindes.

Als Reinhold Steinmann im Herbst 1937 wieder einmal vor Gericht stand, war er bereits vielfach vorbestraft und hatte fast sieben Jahre in verschiedenen Gefängnissen verbracht. Das Vorstrafenregister nennt in der Zeit von November 1917 bis März 1935 insgesamt 22 Verurteilungen zu Gefängnisstrafen, die anfangs nur mehrere Tage wegen Bettelns, später häufig wegen Betrugs, manchmal wegen Unterschlagung und Urkundenfälschung sowie zweimal wegen Sittlichkeitsverbrechen mehrere Monate andauerten. Die bis dahin höchste Strafe ging auf ein Urteil des Landgerichts Hechingen vom 22. März 1935 zurück und lautete auf ein Jahr und acht Monate Gefängnis wegen Betrugs und „Unzucht mit Kindern“. Das Gericht ordnete die „Entmannung“ von Steinmann an. Eine weitere Verurteilung erfolgte am 1. November 1937 durch das Schöffengericht Neuenbürg. Steinmann musste wegen Betrugs im Rückfall in „Tateinheit mit einem Verbrechen der schweren Privaturkundenfälschung“ für ein Jahr und vier Monate ins Zuchthaus und eine Geldstrafe in Höhe von 150 RM entrichten. Betrogen hatte er in 13 Fällen, indem er sich mit vorgetäuschten Verletzungen die Aufnahme in Krankenhäusern erschlich, nachdem er sich vorab nach dem menschfreundlichsten Arzt erkundigt und diesem dann zum Beispiel von ständigen Kopfschmerzen infolge eines Sturzes berichtete und um Aufnahme zur Beobachtung bat. Damit sicherte er sich eine Unterbringung und regelmäßiges Essen. Bei der Privaturkundenfälschung handelte es sich um einen von ihm verfassten Brief auf den Namen eines Schaustellers, in dem ein vermeintlicher Unfall geschildert und der Arzt um Aufnahme ins Krankenhaus gebeten wurde. Das Gericht verurteilte ihn zu einer Zuchthausstrafe in der Absicht, dass dies „eine solche Wirkung auf ihn ausübt, dass er in Zukunft von strafbaren Handlungen abläßt. (…) Von der Verurteilung als gefährlicher Gewohnheitsverbrecher war daher abzusehen.“ Das Gericht hatte in seinem Urteil berücksichtigt, dass Steinmann unter „trostlosen Verhältnissen“ aufgewachsen war.

Steinmann wurde vom Gerichtsgefängnis Neuenbürg in das Zuchthaus in Ludwigsburg verlegt, um seine Strafe dort zu verbüßen. Während seiner Haftzeit war er einmal für vier Wochen in Arrest wegen „grob ungebührlichen politischen Äußerungen“. Er hatte „Heil Moskau“ und „Heil Rosa Luxemburg“ gerufen. Im Personalbogen des Zuchthauses ist darüber nachzulesen, er sei ein „haltloser Mensch mit keinem festen Charakter“ (und) „ein geistig minderwerter Mensch“ und er neige „zu Jähzorn“.
Seine Strafhaft endete Anfang des Jahres 1938. Über die Zeit bis zu seiner erneuten Festnahme im Januar 1943 ist bekannt, dass er sich ein weiteres Mal verheiratete und zusammen mit seiner Frau Emma, geborene Kremer, in Heilbronn wohnte.
 
Am 13. Januar 1943 wurde er von der Stuttgarter Kriminalpolizei in Esslingen festgenommen. Am 8. September 1943 ist seine Ankunft im Konzentrationslager Dachau registriert. Er wurde als "Berufsverbrecher“ (BV) kategorisiert, erhielt die Häftlingsnummer 61306 und wurde mit dem grünen Winkel der „Kriminellen“ gekennzeichnet. Am 6. Dezember 1943 erfolgte seine Verbringung ins KZ Mauthausen. Dort verliert sich leider die Spur seines weiteren Schicksals.

Auf der Homepage „Searching Dachau Concentration Camp Records in One Step“ ist auch Reinhold Steinmann genannt. Dies ist vermutlich ein erster öffentlicher Hinweis auf sein Verfolgungsschicksal.

Die Markierung auf der Übersichtskarte weist auf den letzten Wohnort vor der Verhaftung, Schrunzerstraße 2, heute Rathausstraße 2, in Heilbronn-Böckingen.


Quellen
Staatsarchiv Ludwigsburg E 356 d V Bü 1833.

ITS Digital Archive, Arolsen Archives:
1.1.6 Inhaftierungsdokumente Dachau/ Reinhold Steinmann.

Searching Dachau Concentration Camp Records in One Step
https://stevemorse.org/dachau/dachau.html


© Text und Recherche:
Ingrid Bauz, Stuttgart
Stand: August 2021
www.kz-mauthausen-bw.de