Rudolf Meyer (1876 - 1944)
„unverbesserlicher homosexueller Psychopath“
28.03.1934 Anordnung der Unterbringung in einer Heil- und Pflegeanstalt
06.05.1944 KZ Mauthausen
19.12.1944 Tod im KZ Gusen
Rudolf Meyer wurde am 21. Januar 1876 in Wertheim im heutigen Main-Tauber-Kreis als Sohn des Bahnverwalters Leonhard Meyer und seiner Frau Laura, geborene Kraft, geboren und katholisch getauft. Die Familie lebte bis 1882 in Wertheim, danach in Tauberbischofsheim und in Heidelberg. Zuletzt wohnte Meyer in Freiburg im Breisgau in der Schwarzwaldstraße 75. Er war von Beruf Krankenpfleger; wie lange und wo er als solcher gearbeitet hat ist uns nicht bekannt. Zum Zeitpunkt seiner letzten Verhaftung galt er als eine „Person der öffentlichen Armenpflege“ und wurde vom Wohlfahrtsamt Freiburg unterstützt.
Zwischen 1909 und 1934 sind elf Vorstrafen vermerkt, sechs davon wegen sogenannter „homosexueller Übertretungen“. Am 28. März 1934 wurde Rudolf Meyer vom Schöffengericht Freiburg wegen eines homosexuellen Vergehens zu zehn Monaten Gefängnis verurteilt und die anschließende Unterbringung in einer Heil- und Pflegeanstalt angeordnet mit der Begründung, dass er keinerlei Kontrolle über seine sexuelle Veranlagung habe. Auch gebe es eine „erhebliche erbliche Belastung“. Es hieß, Meyer stamme aus einer „geistig defekten Familie“, der Vater habe Selbstmord begangen und zwei Stiefbrüder seien „abnorm“.
Nach Verbüßung seiner Haftstrafe kam er zunächst in die Heil- und Pflegeanstalt Wiesloch (wenige Kilometer südlich von Heidelberg), vom 29. März bis 31. Oktober 1939 war er in der Heil- und Pflegeanstalt Emmendingen, danach bis 25. Februar 1941 in der Heil- und Pflegeanstalt Reichenau und vom 25. Februar bis 30 Juli 1941 wieder in Emmendingen, wo er in der Anstaltsschneiderei beschäftigt wurde. In seiner Patientenakte hieß es, lebende Angehörige von Rudolf Meyer seien keine mehr bekannt. Der Patient wähne sich von adeliger Abkunft, sei „irre“ und mache „blöde Ausführungen zu seinem Leben und seinen Einstellungen“, sei ansonsten aber ruhig, zufrieden und freundlich bis unterwürfig, zugleich jedoch ein „unverbesserlicher homosexueller Psychopath“.
Anfang Mai 1941 bat er den Direktor der Heilanstalt Emmendingen schriftlich um eine Verlegung in eine Abteilung, in der Patienten wohnten, mit denen er auch zusammen arbeitete. Auf seiner jetzigen Abteilung gebe es „Lärm und Streit“, man vergäße, ihn von der Arbeit abzuholen, oder ihm seinen Nachmittagskaffee zu bringen. Außerdem bat er um freien Ausgang, beispielsweise auf dem Weg von und zur Arbeit. Fluchtgefahr sei bei ihm nicht mehr zu befürchten. Er habe sich jetzt schon lange straflos gehalten und seine „Neigungen und Leidenschaften“ seien, wohl altersbedingt, gänzlich verschwunden.
Am 30. Juli 1941 wurde Meyer zusammen mit 30 weiteren Patienten aus Emmendingen in die Heilanstalt Wiesloch verlegt, mit der Absicht, sie in nächster Zeit im Rahmen der NS-Krankenmorde („Aktion T4“) in die Tötungsanstalt Hadamar zu deportieren. In Wiesloch vermerkte man, dass er zwar „schwachsinnig“, aber auch „ein guter Schneider“ sei. Als nützliche Arbeitskraft blieb er so von dieser Mordaktion verschont und wurde fortan in der Wieslocher Anstaltsschneiderei beschäftigt.
Am 1. April 1942 fragte die Generalstaatsanwaltschaft Karlsruhe in Wiesloch an, ob bei Rudolf Meyer der Zweck der Unterbringung erreicht sei und er entlassen werden könne. In Wiesloch wurde dies verneint und daraufhin in Karlsruhe beschlossen, dass Meyer bis zum nächsten Prüfungstermin in drei Jahren weiter in der Heilanstalt verbleiben solle.
Um den Konzentrationslagern immer weitere Arbeitssklaven zuzuführen, griff Reichsführer SS und Chef der deutschen Polizei Heinrich Himmler schließlich auch auf die arbeitsfähigen forensischen Anstaltspatienten zu. Die Leitungen verschiedener Anstalten in Baden und Württemberg listeten in diesem Zusammenhang im Laufe des Jahres 1943 „abgabefähige“ Patienten auf, die im Frühjahr 1944 von Kripobeamten aus den Anstalten geholt und ins KZ Mauthausen deportiert wurden.
Am 1. Mai 1944 holten Beamte der Kripo Karlsruhe Rudolf Meyer und weitere 15 Wieslocher Patienten ab und brachten sie mit dem Zug nach Ulm. Im dortigen Untersuchungsgefängnis warteten sie auf ihren Weitertransport in das KZ Mauthausen. Am 6. Mai 1944 traf der Transport im Konzentrationslager Mauthausen ein. Meyer bekam die Kategorie Sicherungsverwahrter („SV“) und die Häftlingsnummer 65445. Vermutlich wurde er kurz darauf ins nahegelegene KZ Gusen verlegt. Dort wurden die Häftlinge vor allem beim Stollenbau für die Untertageproduktion von Jagdflugzeugen eingesetzt. Durch die Schwerstarbeit fanden sie massenhaft den Tod.
Trotz seines fortgeschrittenen Alters überlebte Rudolf Meyer überdurchschnittlich lange, bis auch er am 19. Dezember 1944 im Alter von 68 Jahren den Strapazen erlag. Das Totenbuch, in dem in aller Regel fiktive Todesursachen eingetragen wurden, vermerkt „Kreislaufschwäche bei allgemeinem Körperverfall“ als Todesursache.
Die Markierung auf der Übersichtskarte zeigt Rudolf Meyers vermutlich letzte frei gewählte Wohnadresse Schwarzwaldstraße 75 in Freiburg.
Quellen und Literatur
Arolsen Archives
1.1.26.3 Individuelle Häftlingsunterlagen Männer KL Mauthausen, Rudolf Meyer
DocID: 1626599 (Todesmeldung)
Generallandesarchiv Karlsruhe
463 Nr. 14653 (Wiesloch, Patientenakte), Nr. 871
463 Nr. 14281 (Emmendingen, Patientenakte)
Memorial Mauthausen
(https://raumdernamen.mauthausen-memorial.org/)
Dieter Fauth: Wertheim im Nationalsozialismus aus Opferperspektiven. Gedenkbuch zum Projekt Stolpersteine. Zell am Main 2013. S. 115 ff.
© Text und Recherche:
Sigrid Brüggemann, Stuttgart
Stand: März 2026
www.kz-mauthausen-bw.de