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Wilhelm Hilsenbeck (1894 - 1980)

1,20 Mark für Betriebszelle gespendet

März – Mai 1933 KZ Heuberg 
03.06.1936 Verhaftung
21.05.1938 KZ Dachau
29.09.1939 KZ Mauthausen
18.02.1940 KZ Dachau
19.01.1943 Entlassung aus KZ Dachau

Wilhelm Hilsenbeck wurde am 29. Mai 1894 in Münster am Neckar (seit 1931 ein Stadtteil von Stuttgart) als Sohn des Wilhelm Hilsenbeck und seiner Ehefrau Karoline, geb. Rohm, geboren. Er hatte eine Schwester und einen Bruder. Er besuchte sieben Jahre die Volksschule in Münster. Da sein Vater nur wenig verdiente, half er schon während seiner Schulzeit bei Bauern mit, um etwas zum Unterhalt beizutragen. Auch nach seiner Schulentlassung musste er sofort Geld verdienen, so dass er keinen Beruf erlernen konnte. Er arbeitete zunächst einige Jahre als Hilfsarbeiter in verschiedenen Fabriken in Cannstatt und Münster. Anfang 1914 kam er in die Kugellagerfabrik Norma in Bad Cannstatt, wo er als Werkzeughärter angelernt wurde. Bei Ausbruch des Ersten Weltkriegs wurde er wegen Rückenmarksverkrümmung zunächst ein Jahr zurückgestellt, im Juni 1915 dann zum Landsturmbataillon Leonberg nach Bietigheim eingezogen. Im Herbst 1915 kam er an die Westfront zum Bahnschutz in die Gegend von Lille. Dort blieb er, bis er im Herbst 1916 zu einer achtwöchigen Ausbildung zum Funker nach Ulm kommandiert wurde. Danach kam er zu einer Funkerabteilung in die umkämpfte Gegend um das nordfranzösische Städtchen Bapaume. Im September 1918 wurde er durch eine Schrapnellkugel verwundet; er erhielt einen Lungensteckschuss und kam deswegen in ein Lazarett nach Stettin, wo er kurz vor Kriegsende entlassen wurde. Er wurde mit dem Eisernen Kreuz ausgezeichnet und erhielt wegen seiner verletzungsbedingten Erwerbsminderung eine Kriegsrente.

Anfang September 1918 ließ er sich während eines Fronturlaubs mit Luise, geborene Weber, kriegstrauen. Aus der Ehe ging eine Tochter hervor.

Nach dem Krieg nahm er seine Arbeit bei der Firma Norma wieder auf und war dort bis 1922 beschäftigt. In der Folgezeit war er als Härter bei verschiedenen anderen Fabriken in Stuttgart und Umgebung tätig, zuletzt von 1929 bis März 1933 bei der Firma Daimler-Benz in Untertürkheim. Nach der nationalsozialistischen Machtübernahme kam er als politischer Gegner von Anfang März bis Mitte Mai 1933 ins Lager Heuberg bei Stetten am kalten Markt in Schutzhaft. Bei seiner Entlassung musste er unterschriftlich versichern, sich künftig nicht mehr staatsfeindlich zu betätigen. Seit Ende Mai 1933 war er als Härter bei der Firma Wizemann in Cannstatt beschäftigt und arbeitete dort bis zu seiner Festnahme am 3. Juni 1936.

Soziokulturell war er - zumindest bis in die Zeit des Nationalsozialismus - eng mit der politisch linksstehenden Arbeiterbewegung verbunden. Nach seiner Schulentlassung war er dem Turnverein Münster beigetreten, wechselte aber 1912 zum Arbeiter-Turnerbund Münster, der dem sozialdemokratischen Arbeiter-Turn- und Sportbund (ATSB) mit Sitz in Leipzig angehörte. In den Jahren 1926 und 1927 engagierte er sich dort als Turnwart; Mitglied war er bis zur Auflösung des Vereins durch die Nationalsozialisten im Frühjahr 1933. 1924 trat er der Kommunistischen Partei (KPD) bei und gehörte der Ortsgruppe Münster am Neckar an. Seit 1930 war er Mitglied der der KPD nahestehenden Roten Hilfe (RHD) und seit 1931 Mitglied des Kampfbundes gegen den Faschismus, einer Nebenorganisation der KPD.

Beruflich war er im Metallarbeiterverband organisiert. 1930 trat er der Revolutionären Gewerkschafts-Opposition (RGO) bei. Im selben Jahr wurde er für die RGO auch Betriebsratsmitglied bei der Firma Daimler-Benz und blieb Betriebsrat bis zum Frühjahr 1933.

Bald nach seiner Entlassung vom Heuberg scheint er sich der neuen politischen Lage pragmatisch angepasst zu haben, was seine Beitritte zur nationalsozialistischen Deutschen Arbeitsfront (DAF) und zur  Nationalsozialistischen Kriegsopferversorgung (NSKOV) nahelegen. Im März 1935 wurde er DAF-Blockwart und hatte in der Härterei und dem Automatensaal das Kassenamt für die DAF inne. Auch wurde er zum stellvertretenden Vertrauensrat bei der Firma Wizemann bestellt. Darüber hinaus sammelte er für das sogenannte Winterhilfswerk des Deutschen Volkes (WHW) für bedürftige „Volksgenossen“. Über dieses soziale Engagement hinaus ist jedoch keine direkte Betätigung im Sinne des Nationalsozialismus belegt.

Hilsenbeck geriet in den Verdacht, sich auch nach der Entlassung aus dem Lager staatsfeindlich betätigt zu haben. Am 26. Januar 1936 wurde er deshalb festgenommen, aber bereits zum Monatsende wieder entlassen. Am 3. Juni 1936 wurde er jedoch erneut verhaftet und kam in Untersuchungshaft. Gesuche um Haftentlassung seitens seiner Mutter und seiner Ehefrau wurden abgelehnt. Gegen Hilsenbeck sowie 16 weitere Angeklagte – darunter der spätere Mauthausenhäftling Richard Heim - kam es zu einem Strafverfahren wegen Vorbereitung zum Hochverrat. Den Angeklagten wurde vorgeworfen, sich in der Zeit von Oktober 1933 bis Frühjahr 1936 in Bad Cannstatt illegal für die KPD und die Betriebszelle bei der Firma Wizemann betätigt zu haben. In der staatsanwaltschaftlichen Anklageschrift hieß es, bei Wizemann habe eine kommunistische Zelle bestanden, deren Mitglieder monatliche Beträge zahlten. Gerade bei dieser Firma sei ein großer Teil der Belegschaft kommunistisch eingestellt gewesen.

Am 8. Dezember 1937 verurteilte das Oberlandesgericht Stuttgart Hilsenbeck wegen Vorbereitung eines hochverräterischen Unternehmens zu 1 Jahr 8 Monaten Gefängnis. Das Gericht stellte fest, dass er für die kommunistische Betriebszelle hätte gewonnen werden sollen, er dieses Ansinnen jedoch ablehnte. Allerdings habe er einmalig für die Betriebszelle einen Betrag von 1,20 RM gespendet, was Hilsenbeck vor Gericht abstritt. Das Gericht sah die Zahlung jedoch als erwiesen an, wobei es feststellte, dass Hilsenbeck außer der Zahlung des genannten Betrags keine weitere Tätigkeit für die illegale Zelle entfaltet hätte. Hilsenbeck wurde zudem zur Last gelegt, einmal einen Betrag von 60 Pfennig für die Rote Hilfe als Spende für Angehörige von politischen Gefangenen geleistet zu haben. Auch habe er ein Exemplar der SAZ (Süddeutsche Arbeiter-Zeitung, Organ der Kommunistischen Partei Deutschlands, Bezirk Württemberg) erhalten und dafür 15 Pfennig bezahlt. Durch all diese Handlungen habe er „die Bestrebungen der illegalen KPD gefördert“.

Da ihm das Gericht 1 Jahr 5 Monate Untersuchungshaft auf die Strafe anrechnete, wurde Hilsenbeck wenige Monate später, am 8. März 1938, aus der Justizhaft entlassen. Wie in solchen politischen Fällen die Regel, „korrigierte“ die Gestapo – Stapoleitstelle Stuttgart – das richterliche Urteil, indem sie ihn nach der Strafverbüßung in Schutzhaft nahm und ins Konzentrationslager einwies.

Am 21. Mai 1938 traf Hilsenbeck im KZ Dachau ein und erhielt die Häftlingsnummer 14142 mit der Kategorie "Sch 2x KL" (Schutzhaft, zum zweiten Mal Konzentrationslager). Am 18. August 1938 wurde er an einen nicht genannten Ort überstellt und kehrte zwei Tage später wieder ins KZ Dachau zurück. Im Zusammenhang mit der temporären Umnutzung des Lagers Dachau für Ausbildungszwecke der SS kam er am 29. September 1939 mit einem 1.600 Häftlinge umfassenden Transport in das KZ Mauthausen. Dort musste er Steinbrucharbeiten verrichten, wobei er sich eine schwere, sich chronisch entwickelnde Bronchitis zuzog. Nach Angaben seines Mithäftlings Ernst Bauche war Hilsenbeck im KZ Mauthausen wie bereits in Dachau Blockältester.

Am 18. Februar 1940 kehrte Hilsenbeck von Mauthausen zurück in das Konzentrationslager Dachau. Hier erhielt er die neue Häftlingsnummer 106 und wurde als Blockältester des Häftlingsblocks 18 eingesetzt. Vom KZ Dachau wurde er (aus in der Quelle nicht genannten Gründen) von Mitte bis Ende September 1942 beurlaubt. Schließlich wurde er – nach dem Tod seiner Tochter – am 19. Januar 1943 aus dem KZ nach Hause entlassen.

Nach dem Krieg war er 1947 zusammen mit seiner Frau zur „Erholungsfürsorge“ im „Sanatorium Harpprechthaus“ bei Schopfloch auf der Schwäbischen Alb. Das Harpprechthaus hatte seine eigene NS-Vergangenheit: hier hatte sich der berüchtigte NS-Richter Hermann Cuhorst (1899-1991), Senatspräsident am Oberlandesgericht und Vorsitzender des NS-Sondergerichts Stuttgart, zuvor als Hüttenwirt eingesetzt und seine Familie aus Furcht vor Luftangriffen einquartiert. Bei der „Entnazifizierung“ wurde Cuhorst von der Spruchkammer als „Hauptschuldiger“ eingestuft.

Hilsenbeck war als anerkannt politisch Verfolgter wiedergutmachungsberechtigt. Einen Teil der Wiedergutmachungsleistungen investierte er in ein Eigenheim in Stuttgart-Vaihingen. Er starb am 24. März 1980.

Die Markierung auf der Übersichtskarte zeigt Wilhelm Hilsenbecks Wohnadresse Ammergasse 1 in Stuttgart-Münster.

 

Quellen

ITS Digital Archive, Arolsen Archives 
0.1 / 24741030
DocID: 10661667 (Wilhelm HILSENBECK) 
DocID: 130429202 (Zugangsbuch Dachau)
DocID: 130429999 (Zugangsbuch Dachau)

Bundesarchiv 
R 3018 Nr. 2417 (Strafverfahren wg. Hochverrat)

Staatsarchiv Ludwigsburg 
El 350 I Bü 2884

Häftlingsdatenbank DZOK

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