Richard Heim
(geb. 1901)
„Bubenhaftes Benehmen beim Singen des Horst-Wessel-Liedes“
März bis Juli 1933 KZ Heuberg
25.03.1938 KZ Dachau
29.09.1939 KZ Mauthausen
18.02.1940 KZ Dachau
10.11.1944 SS-Sondereinheit Dirlewanger
Richard Heim wurde am 28. November 1901 in Cannstatt (heute Stuttgart - Bad Cannstatt) als Sohn von Sofie Heim unehelich geboren. Sein Vater starb, als er ein dreiviertel Jahr alt war. Seine Mutter verheiratete sich 1908 mit dem Fräser Friedrich Schenk. Er ist in dieser Familie mit seiner älteren Schwester und zwei Stiefbrüdern aufgewachsen.
Nach sieben Jahren Volksschule in Bad Cannstatt lernte er ein Jahr als Eisendreher bei der Firma Werner & Pfleiderer in Cannstatt. 1916 ging er als Schiffsjunge auf ein Schulschiff des Deutschen Schulschiffvereins nach Kiel. Im Ersten Weltkrieg meldete er sich im Oktober 1917 als Freiwilliger zur Kriegsmarine und kam danach zu einer Marineabteilung nach Cuxhafen. Im April 1918 wurde er mit einer Minensuchhalbflottille nach Reval versetzt. Diese Formation wurde zur Räumung von Minenfeldern im finnischen Meerbusen eingesetzt. Wegen einer Fußverletzung bei einem Unglücksfall kam er dort einige Monate bis zum Kriegsende ins Bordlazarett.
Nach seiner Entlassung aus dem Kriegsdienst im Januar 1919 verrichtete er verschiedene, nicht näher spezifizierte „Notstandsarbeiten“. Von Oktober 1919 bis Frühjahr 1922 war er in der Zuckerfabrik in Münster (seit Juli 1931 ein Stadtteil von Stuttgart) als Werkstättenarbeiter beschäftigt. Danach war er in Hamburg in einem Restaurant als Hausdiener tätig. Im Dezember 1922 verheiratete er sich in Hamburg; aus der Ehe ging ein Kind hervor. Die Zeit von Herbst 1923 bis Frühjahr 1924 verbrachte er arbeitslos zu Hause in Cannstatt. Dann erhielt er kurze Zeit Beschäftigung bei der Firma Norma in Cannstatt und bei einem Malermeister.
Im November 1924 verließ er Frau und Kind und trat in die französische Fremdenlegion ein. Er tat zunächst in Algerien und Marokko Dienst und kam im Frühjahr 1926 nach Syrien. Am 1. April 1926 desertierte er dort; es gelang ihm von Ägypten aus per Schiff wieder nach Deutschland zu kommen. Anschließend war er etwa ein Jahr lang arbeitslos. Im Juni 1927 erhielt er bei der Fa. Daimler-Benz in Untertürkheim Arbeit und wurde als Härter angelernt. Nach seiner Entlassung im Mai 1929 verrichtete er noch zehn Wochen Notstandsarbeiten beim Bau des Neckarkanals in Cannstatt und war dann viereinhalb Jahre arbeitslos.
Richard Heim war sozial in die politisch linke Arbeiterkultur eingebunden. 1930 trat er dem Arbeiterschützenverein in Cannstatt bei, welcher der Kampfgemeinschaft für Rote Sporteinheit („Rotsport“) angeschlossen war. Der „Rotsport“ stand der Kommunistischen Partei (KPD) nahe. Im Frühjahr 1932 wurde er Mitglied der KPD, Ortsgruppe Cannstatt. Im Sportverein und der Partei blieb er Mitglied bis zu deren Auflösung nach der nationalsozialistischen Machtübernahme 1933.
Nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten wurde Richard Heim als politischer Gegner verhaftet und von Ende März 1933 bis Juli 1933 im Lager Heuberg bei Stetten am kalten Markt interniert. Bei der Entlassung unterschrieb er die übliche Erklärung, sich künftig nicht mehr gegen den Staat zu betätigen.
Nach weiteren kurzzeitigen Notstandsarbeiten beim Neckarkanal fand er Ende Mai 1934 in Cannstatt einen Arbeitsplatz bei der Firma J. Wizemann & Co GmBH, Spezialfabrik für Automobil- und Motorenteile. Dort war er als Härter bis zu seiner Inschutzhaftnahme (am 19.3.1936) beschäftigt. Nachdem seine erste Ehe geschieden worden war, heiratete er im Oktober 1934 Elise, geborene Grötzinger. Auch aus dieser Ehe ging ein Kind hervor. Die Familie wohnte in Cannstatt in der Lämmleshalde 20.
Im Zusammenhang mit der Aufdeckung einer illegalen kommunistischen Betriebszelle bei der Firma Wizemann wurde er als mutmaßlicher Mitwisser und Tatverdächtiger am 28. Januar 1936 vorübergehend festgenommen und drei Tage später wieder aus der Haft entlassen. Es folgte bald ein weiterer politischer Zwischenfall. Am 19. März 1936 wurde er in polizeiliche Schutzhaft genommen, und zwar, wie es in der späteren staatsanwaltlichen Klageschrift hieß, "weil er beim Singen des Horst-Wessel-Liedes nach der Führerrede am 7.3.36 sich bubenhaft benahm und den rechten Arm nicht zum Deutschen Gruß erhob“. Die Zeit seiner Schutzhaft verbrachte er im Polizeigefängnis Welzheim, bis das Amtsgericht Stuttgart I am 22. Juni 1936 gegen ihn – nun offenbar in Sachen Betriebszelle - einen Haftbefehl erließ und er in Untersuchungshaft kam.
Gegen ihn und 16 weitere Angeklagte kam es zu einem Strafverfahren wegen Vorbereitung zum Hochverrat. Den Angeklagten wurde vorgeworfen, sich in der Zeit von Oktober 1933 bis Frühjahr 1936 in Bad Cannstatt illegal für die KPD und die Betriebszelle bei der Firma Wizemann betätigt zu haben. In der staatsanwaltschaftlichen Anklageschrift hieß es, bei Wizemann habe eine kommunistische Zelle bestanden, deren Mitglieder monatliche Beträge bezahlten. Auch Richard Heim sei unter den zahlenden Mitgliedern gewesen. „Die Zusammensetzung der Belegschaft der Firma Wizemann begünstigte die illegale Tätigkeit. Die fortdauernden Betriebsvergrößerungen hatten zur Folge, dass ein großer Teil der Arbeiter frühere Schutzhäftlinge waren. Es soll sogar in Cannstatt von Wizemann als dem 'kleinen Heuberg' gesprochen worden sein [..]. Ein großer Teil der Belegschaft war jedenfalls kommunistisch eingestellt; ausgelacht wurde, wer im Betrieb den Deutschen Gruß entbot!".
Im Verlauf des Strafverfahrens blieb von den Vorwürfen gegen Richard Heim konkret nicht viel übrig. Das Gericht stellte fest: Heim lehnte, als er im September 1934 über das Bestehen der "freigewerkschaftlichen Zelle" unterrichtet wurde, den ihm angetragenen Beitritt ab, bezahlte allerdings einen Beitrag von 1,20 Reichsmark zur Unterstützung kommunistischer Häftlinge und ihrer Angehörigen. Außerdem habe er im Dezember 1935 im Betrieb für 15 Pfennig ein Exemplar der SAZ (Süddeutsche Arbeiter-Zeitung Organ der Kommunistischen Partei Deutschlands, Bezirk Württemberg) erworben und dieses nach der Lektüre verbrannt. Am 8. Dezember 1937 verurteilte das Oberlandesgericht Stuttgart Heim aufgrund dieser Tatbestände wegen „Vorbereitung eines hochverräterischen Unternehmens“ zu eineinhalb Jahren Gefängnis. Die Strafe galt unter Anrechnung der Untersuchungshaft als verbüßt. Die übrigen in dem Hochverratsverfahren Angeklagten erhielten Freiheitsstrafen von bis zu 3 Jahren und 3 Monaten Zuchthaus. Unter den Verurteilten war auch Heims Arbeitskollege, der spätere Mauthausenhäftling Wilhelm Hilsenbeck.
Wie in solchen politischen Fällen die Regel, „korrigierte“ die Gestapo das aus ihrer Warte unzulängliche richterliche Urteil. Die entgrenzte Polizeigewalt machte die Arbeit der Justiz zur Farce. Richard Heim wurde kurzerhand nach dem Urteilsspruch erneut in Schutzhaft genommen. Wieder kam er in das Polizeigefängis Welzheim und wurde nach drei Monaten von dort am 25. März 1938 in das Konzentrationslager Dachau eingewiesen. Der Transport von Welzheim nach Dachau umfasste 16 Schutzhäftlinge, darunter Oskar Baur, Wilhelm Brendle, Karl Eberhardt, Heinrich Gottschalk, Werner Groß und Walter Reede. Im KZ Dachau erhielt Richard Heim die Häftlingsnummer 13697 mit der Kategorie „Sch 2xKL“ (Schutzhaft, zum zweiten Mal Konzentrationslager) und wurde Stubenältester in Block 2.
Wegen der temporären Umnutzung des Lagers Dachau für Ausbildungszwecke der SS wurde Richard Heim mit einem 1.600 Häftlinge umfassenden Sammeltransport am 29. September 1939 in das Konzentrationslager Mauthausen verlegt. Am 18. Februar 1940 wurde er von dort in das KZ Dachau rücküberstellt und erhielt die neue Häftlingsnummer 99. Er fungierte nun als Stubenältester in Stube 1 des Häftlingsblocks 22.
Am 10. November 1944 wurde er aus dem KZ Dachau zur SS-Brigade „Dirlewanger“ entlassen. (zeitgleich zusammen u.a. mit Wilhelm Buchmüller, Wilhelm Eichel, Josef Engels, Otto Morgenstern und Karl Wagner). Bereits Mitte Oktober hatte die SS-Lagerleitung in Dachau deutsche Häftlinge zur Meldung zum freiwilligen Fronteinsatz aufgefordert. Die Blockältesten erhielten dazu entsprechende Listen ausgehändigt. Das deutsche illegale Lagerkomitee, in dem die Kommunisten dominierten, forderte die Häftlinge auf, sich in die Meldelisten einzutragen. Die Gesamtzahl der gemeldeten Deutschen ist nicht bekannt, wird aber auf 500 bis 1.300 geschätzt. Unter diesen Freiwilligen wählte die Lagerleitung 192 Männer aus, welche dann am 8. November in SS-Uniformen vor den Augen ihrer Kameraden durch das Lager marschieren mussten. Anschließend kamen die für die SS Rekrutierten via Krakau in die slowakische Gemeinde Diviaky (Nováky), erhielten eine kurze Ausbildung und sollten in der SS-Sondereinheit Dirlewanger zur Bekämpfung slowakischer Partisanen verwendet werden, wobei es in diesem Zusammenhang anscheinend nur peripher zu Feindkontakten kam. Bei einem folgenden Einsatz an der Ostfront kam Richard Heim am 15. Dezember 1944 in sowjetische Kriegsgefangenschaft. An diesem und den folgenden Tagen war es in der Gegend um das etwa 80 Kilometer nördlich von Budapest gelegene Ipolyság (deutsch: Eipelschlag, slowakisch: Šahy) zum massenhaften Überlaufen ehemaliger KZ-Häftlinge aus der SS-Sondereinheit Dirlewanger zu den sowjetischen Truppen gekommen (vgl. ausführlichere Darstellung dieses Vorgangs im Fall Josef Luger). Im September 1945 wurde Heim aus sowjetischer Kriegsgefangenschaft entlassen.
Richard Heim heiratete nach dem Krieg erneut, hatte einen 1956 geborenen weiteren Sohn und wohnte in Bad Cannstatt zunächst auf der Steig 86, dann in der Banatstraße und schließlich in der Oppelnerstraße 6. Er fand eine Beschäftigung bei der Botenmeisterei der Stadt Stuttgart.
Die "Rückführungsstelle für ehemalige politische Häftlinge" in der Stuttgarter Mörikestraße bestätigte am 4. Dezember 1945, dass Heim aus politischen Gründen insgesamt neun Jahre in Haft verbrachte. Im Februar 1946 wurde ihm eine Soforthilfe von 650 Reichsmark zur Verfügung gestellt, in der Folge erhielt er weitere finanzielle Unterstützung. Am 9. November 1947 stellte er einen formellen Antrag auf Wiedergutmachung und bekam in den folgenden Jahren entsprechende Leistungen zugestanden. Auch seine Zeit bei der SS-Sondereinheit Dirlewanger galt als „wiedergutmachungsfähige Haftzeit“. Zwar sei ihm kein wirtschaftlicher Schaden entstanden, da „während der Zeit der Einberufung die Angehörigen dieser Einheit wie die der regulären Wehrmacht von der zuständigen Gemeinde Familienunterhalt bezogen“ hätten, doch könne angenommen werden, dass er (als Jahrgang 1901) ohne Verfolgung nicht zwingend zum Wehrdienst eingezogen worden wäre. Im August 1948 kam Heim zur „Erholungsverschickung“ in das Harpprechthaus bei Schopfloch auf der Schwäbischen Alb. Am 22. Januar 1949 wurde das 1937 gegen ihn ergangene Urteil wegen Vorbereitung zum Hochverrat aufgehoben und aus dem Strafregister getilgt.
Auf der Übersichtskarte ist Richard Heims Wohnsitz vor seiner Verhaftung vermerkt: Bad Cannstatt, Lämmleshalde 20.
Quellen:
ITS Digital Archive, Arolsen Archives
DocID: 10659554 (Richard HEIM)
DocID: 130429187 (Zugangsbuch Dachau)
Staatsarchiv Ludwigsburg
EL 350 I Bü 1644
Archiv Mauthausen Memorial (AMM)
Listenauszug
Bundesarchiv
R 3018 Nr. 2417
R 3018/6287
Dokumentationszentrum oberer Kuhberg (DZOK)
Häftlingsdatenbank
Hans-Peter Klausch: Antifaschisten in SS-Uniform. Schicksal und Widerstand der deutschen politischen KZ-Häftlinge, Zuchthaus- und Wehrmachtsgefangenen in der SS-Sonderformation Dirlewanger. Bremen 1993. S. 165-169 (Rekrutierungen im KZ Dachau).
Rolf Michaelis: Die SS-Sturmbrigade "Dirlewanger". Vom Warschauer Aufstand bis zum Kessel von Halbe. Berlin 2003 (zum deutschen Fiasko bei Ipolysg S. 82-91).
Stanislav Zámečník: Das war Dachau. Luxemburg 2002, S. 351f. (zur SS-Sondereinheit Dirlewanger).
© Recherche und Text:
Roland Maier, Stuttgart
Stand: November 2025
www.kz-mauthausen-bw.de
Drucken
„Bubenhaftes Benehmen beim Singen des Horst-Wessel-Liedes“
März bis Juli 1933 KZ Heuberg
25.03.1938 KZ Dachau
29.09.1939 KZ Mauthausen
18.02.1940 KZ Dachau
10.11.1944 SS-Sondereinheit Dirlewanger
Richard Heim wurde am 28. November 1901 in Cannstatt (heute Stuttgart - Bad Cannstatt) als Sohn von Sofie Heim unehelich geboren. Sein Vater starb, als er ein dreiviertel Jahr alt war. Seine Mutter verheiratete sich 1908 mit dem Fräser Friedrich Schenk. Er ist in dieser Familie mit seiner älteren Schwester und zwei Stiefbrüdern aufgewachsen.
Nach sieben Jahren Volksschule in Bad Cannstatt lernte er ein Jahr als Eisendreher bei der Firma Werner & Pfleiderer in Cannstatt. 1916 ging er als Schiffsjunge auf ein Schulschiff des Deutschen Schulschiffvereins nach Kiel. Im Ersten Weltkrieg meldete er sich im Oktober 1917 als Freiwilliger zur Kriegsmarine und kam danach zu einer Marineabteilung nach Cuxhafen. Im April 1918 wurde er mit einer Minensuchhalbflottille nach Reval versetzt. Diese Formation wurde zur Räumung von Minenfeldern im finnischen Meerbusen eingesetzt. Wegen einer Fußverletzung bei einem Unglücksfall kam er dort einige Monate bis zum Kriegsende ins Bordlazarett.
Nach seiner Entlassung aus dem Kriegsdienst im Januar 1919 verrichtete er verschiedene, nicht näher spezifizierte „Notstandsarbeiten“. Von Oktober 1919 bis Frühjahr 1922 war er in der Zuckerfabrik in Münster (seit Juli 1931 ein Stadtteil von Stuttgart) als Werkstättenarbeiter beschäftigt. Danach war er in Hamburg in einem Restaurant als Hausdiener tätig. Im Dezember 1922 verheiratete er sich in Hamburg; aus der Ehe ging ein Kind hervor. Die Zeit von Herbst 1923 bis Frühjahr 1924 verbrachte er arbeitslos zu Hause in Cannstatt. Dann erhielt er kurze Zeit Beschäftigung bei der Firma Norma in Cannstatt und bei einem Malermeister.
Im November 1924 verließ er Frau und Kind und trat in die französische Fremdenlegion ein. Er tat zunächst in Algerien und Marokko Dienst und kam im Frühjahr 1926 nach Syrien. Am 1. April 1926 desertierte er dort; es gelang ihm von Ägypten aus per Schiff wieder nach Deutschland zu kommen. Anschließend war er etwa ein Jahr lang arbeitslos. Im Juni 1927 erhielt er bei der Fa. Daimler-Benz in Untertürkheim Arbeit und wurde als Härter angelernt. Nach seiner Entlassung im Mai 1929 verrichtete er noch zehn Wochen Notstandsarbeiten beim Bau des Neckarkanals in Cannstatt und war dann viereinhalb Jahre arbeitslos.
Richard Heim war sozial in die politisch linke Arbeiterkultur eingebunden. 1930 trat er dem Arbeiterschützenverein in Cannstatt bei, welcher der Kampfgemeinschaft für Rote Sporteinheit („Rotsport“) angeschlossen war. Der „Rotsport“ stand der Kommunistischen Partei (KPD) nahe. Im Frühjahr 1932 wurde er Mitglied der KPD, Ortsgruppe Cannstatt. Im Sportverein und der Partei blieb er Mitglied bis zu deren Auflösung nach der nationalsozialistischen Machtübernahme 1933.
Nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten wurde Richard Heim als politischer Gegner verhaftet und von Ende März 1933 bis Juli 1933 im Lager Heuberg bei Stetten am kalten Markt interniert. Bei der Entlassung unterschrieb er die übliche Erklärung, sich künftig nicht mehr gegen den Staat zu betätigen.
Nach weiteren kurzzeitigen Notstandsarbeiten beim Neckarkanal fand er Ende Mai 1934 in Cannstatt einen Arbeitsplatz bei der Firma J. Wizemann & Co GmBH, Spezialfabrik für Automobil- und Motorenteile. Dort war er als Härter bis zu seiner Inschutzhaftnahme (am 19.3.1936) beschäftigt. Nachdem seine erste Ehe geschieden worden war, heiratete er im Oktober 1934 Elise, geborene Grötzinger. Auch aus dieser Ehe ging ein Kind hervor. Die Familie wohnte in Cannstatt in der Lämmleshalde 20.
Im Zusammenhang mit der Aufdeckung einer illegalen kommunistischen Betriebszelle bei der Firma Wizemann wurde er als mutmaßlicher Mitwisser und Tatverdächtiger am 28. Januar 1936 vorübergehend festgenommen und drei Tage später wieder aus der Haft entlassen. Es folgte bald ein weiterer politischer Zwischenfall. Am 19. März 1936 wurde er in polizeiliche Schutzhaft genommen, und zwar, wie es in der späteren staatsanwaltlichen Klageschrift hieß, "weil er beim Singen des Horst-Wessel-Liedes nach der Führerrede am 7.3.36 sich bubenhaft benahm und den rechten Arm nicht zum Deutschen Gruß erhob“. Die Zeit seiner Schutzhaft verbrachte er im Polizeigefängnis Welzheim, bis das Amtsgericht Stuttgart I am 22. Juni 1936 gegen ihn – nun offenbar in Sachen Betriebszelle - einen Haftbefehl erließ und er in Untersuchungshaft kam.
Gegen ihn und 16 weitere Angeklagte kam es zu einem Strafverfahren wegen Vorbereitung zum Hochverrat. Den Angeklagten wurde vorgeworfen, sich in der Zeit von Oktober 1933 bis Frühjahr 1936 in Bad Cannstatt illegal für die KPD und die Betriebszelle bei der Firma Wizemann betätigt zu haben. In der staatsanwaltschaftlichen Anklageschrift hieß es, bei Wizemann habe eine kommunistische Zelle bestanden, deren Mitglieder monatliche Beträge bezahlten. Auch Richard Heim sei unter den zahlenden Mitgliedern gewesen. „Die Zusammensetzung der Belegschaft der Firma Wizemann begünstigte die illegale Tätigkeit. Die fortdauernden Betriebsvergrößerungen hatten zur Folge, dass ein großer Teil der Arbeiter frühere Schutzhäftlinge waren. Es soll sogar in Cannstatt von Wizemann als dem 'kleinen Heuberg' gesprochen worden sein [..]. Ein großer Teil der Belegschaft war jedenfalls kommunistisch eingestellt; ausgelacht wurde, wer im Betrieb den Deutschen Gruß entbot!".
Im Verlauf des Strafverfahrens blieb von den Vorwürfen gegen Richard Heim konkret nicht viel übrig. Das Gericht stellte fest: Heim lehnte, als er im September 1934 über das Bestehen der "freigewerkschaftlichen Zelle" unterrichtet wurde, den ihm angetragenen Beitritt ab, bezahlte allerdings einen Beitrag von 1,20 Reichsmark zur Unterstützung kommunistischer Häftlinge und ihrer Angehörigen. Außerdem habe er im Dezember 1935 im Betrieb für 15 Pfennig ein Exemplar der SAZ (Süddeutsche Arbeiter-Zeitung Organ der Kommunistischen Partei Deutschlands, Bezirk Württemberg) erworben und dieses nach der Lektüre verbrannt. Am 8. Dezember 1937 verurteilte das Oberlandesgericht Stuttgart Heim aufgrund dieser Tatbestände wegen „Vorbereitung eines hochverräterischen Unternehmens“ zu eineinhalb Jahren Gefängnis. Die Strafe galt unter Anrechnung der Untersuchungshaft als verbüßt. Die übrigen in dem Hochverratsverfahren Angeklagten erhielten Freiheitsstrafen von bis zu 3 Jahren und 3 Monaten Zuchthaus. Unter den Verurteilten war auch Heims Arbeitskollege, der spätere Mauthausenhäftling Wilhelm Hilsenbeck.
Wie in solchen politischen Fällen die Regel, „korrigierte“ die Gestapo das aus ihrer Warte unzulängliche richterliche Urteil. Die entgrenzte Polizeigewalt machte die Arbeit der Justiz zur Farce. Richard Heim wurde kurzerhand nach dem Urteilsspruch erneut in Schutzhaft genommen. Wieder kam er in das Polizeigefängis Welzheim und wurde nach drei Monaten von dort am 25. März 1938 in das Konzentrationslager Dachau eingewiesen. Der Transport von Welzheim nach Dachau umfasste 16 Schutzhäftlinge, darunter Oskar Baur, Wilhelm Brendle, Karl Eberhardt, Heinrich Gottschalk, Werner Groß und Walter Reede. Im KZ Dachau erhielt Richard Heim die Häftlingsnummer 13697 mit der Kategorie „Sch 2xKL“ (Schutzhaft, zum zweiten Mal Konzentrationslager) und wurde Stubenältester in Block 2.
Wegen der temporären Umnutzung des Lagers Dachau für Ausbildungszwecke der SS wurde Richard Heim mit einem 1.600 Häftlinge umfassenden Sammeltransport am 29. September 1939 in das Konzentrationslager Mauthausen verlegt. Am 18. Februar 1940 wurde er von dort in das KZ Dachau rücküberstellt und erhielt die neue Häftlingsnummer 99. Er fungierte nun als Stubenältester in Stube 1 des Häftlingsblocks 22.
Am 10. November 1944 wurde er aus dem KZ Dachau zur SS-Brigade „Dirlewanger“ entlassen. (zeitgleich zusammen u.a. mit Wilhelm Buchmüller, Wilhelm Eichel, Josef Engels, Otto Morgenstern und Karl Wagner). Bereits Mitte Oktober hatte die SS-Lagerleitung in Dachau deutsche Häftlinge zur Meldung zum freiwilligen Fronteinsatz aufgefordert. Die Blockältesten erhielten dazu entsprechende Listen ausgehändigt. Das deutsche illegale Lagerkomitee, in dem die Kommunisten dominierten, forderte die Häftlinge auf, sich in die Meldelisten einzutragen. Die Gesamtzahl der gemeldeten Deutschen ist nicht bekannt, wird aber auf 500 bis 1.300 geschätzt. Unter diesen Freiwilligen wählte die Lagerleitung 192 Männer aus, welche dann am 8. November in SS-Uniformen vor den Augen ihrer Kameraden durch das Lager marschieren mussten. Anschließend kamen die für die SS Rekrutierten via Krakau in die slowakische Gemeinde Diviaky (Nováky), erhielten eine kurze Ausbildung und sollten in der SS-Sondereinheit Dirlewanger zur Bekämpfung slowakischer Partisanen verwendet werden, wobei es in diesem Zusammenhang anscheinend nur peripher zu Feindkontakten kam. Bei einem folgenden Einsatz an der Ostfront kam Richard Heim am 15. Dezember 1944 in sowjetische Kriegsgefangenschaft. An diesem und den folgenden Tagen war es in der Gegend um das etwa 80 Kilometer nördlich von Budapest gelegene Ipolyság (deutsch: Eipelschlag, slowakisch: Šahy) zum massenhaften Überlaufen ehemaliger KZ-Häftlinge aus der SS-Sondereinheit Dirlewanger zu den sowjetischen Truppen gekommen (vgl. ausführlichere Darstellung dieses Vorgangs im Fall Josef Luger). Im September 1945 wurde Heim aus sowjetischer Kriegsgefangenschaft entlassen.
Richard Heim heiratete nach dem Krieg erneut, hatte einen 1956 geborenen weiteren Sohn und wohnte in Bad Cannstatt zunächst auf der Steig 86, dann in der Banatstraße und schließlich in der Oppelnerstraße 6. Er fand eine Beschäftigung bei der Botenmeisterei der Stadt Stuttgart.
Die "Rückführungsstelle für ehemalige politische Häftlinge" in der Stuttgarter Mörikestraße bestätigte am 4. Dezember 1945, dass Heim aus politischen Gründen insgesamt neun Jahre in Haft verbrachte. Im Februar 1946 wurde ihm eine Soforthilfe von 650 Reichsmark zur Verfügung gestellt, in der Folge erhielt er weitere finanzielle Unterstützung. Am 9. November 1947 stellte er einen formellen Antrag auf Wiedergutmachung und bekam in den folgenden Jahren entsprechende Leistungen zugestanden. Auch seine Zeit bei der SS-Sondereinheit Dirlewanger galt als „wiedergutmachungsfähige Haftzeit“. Zwar sei ihm kein wirtschaftlicher Schaden entstanden, da „während der Zeit der Einberufung die Angehörigen dieser Einheit wie die der regulären Wehrmacht von der zuständigen Gemeinde Familienunterhalt bezogen“ hätten, doch könne angenommen werden, dass er (als Jahrgang 1901) ohne Verfolgung nicht zwingend zum Wehrdienst eingezogen worden wäre. Im August 1948 kam Heim zur „Erholungsverschickung“ in das Harpprechthaus bei Schopfloch auf der Schwäbischen Alb. Am 22. Januar 1949 wurde das 1937 gegen ihn ergangene Urteil wegen Vorbereitung zum Hochverrat aufgehoben und aus dem Strafregister getilgt.
Auf der Übersichtskarte ist Richard Heims Wohnsitz vor seiner Verhaftung vermerkt: Bad Cannstatt, Lämmleshalde 20.
Quellen:
ITS Digital Archive, Arolsen Archives
DocID: 10659554 (Richard HEIM)
DocID: 130429187 (Zugangsbuch Dachau)
Staatsarchiv Ludwigsburg
EL 350 I Bü 1644
Archiv Mauthausen Memorial (AMM)
Listenauszug
Bundesarchiv
R 3018 Nr. 2417
R 3018/6287
Dokumentationszentrum oberer Kuhberg (DZOK)
Häftlingsdatenbank
Hans-Peter Klausch: Antifaschisten in SS-Uniform. Schicksal und Widerstand der deutschen politischen KZ-Häftlinge, Zuchthaus- und Wehrmachtsgefangenen in der SS-Sonderformation Dirlewanger. Bremen 1993. S. 165-169 (Rekrutierungen im KZ Dachau).
Rolf Michaelis: Die SS-Sturmbrigade "Dirlewanger". Vom Warschauer Aufstand bis zum Kessel von Halbe. Berlin 2003 (zum deutschen Fiasko bei Ipolysg S. 82-91).
Stanislav Zámečník: Das war Dachau. Luxemburg 2002, S. 351f. (zur SS-Sondereinheit Dirlewanger).
© Recherche und Text:
Roland Maier, Stuttgart
Stand: November 2025
www.kz-mauthausen-bw.de