Wilhelm Eichel (1907 - 1945)
"Vorbereitung zum Hochverrat"
03.05.1938 KZ Dachau
29.09.1939 KZ Mauthausen
18.02.1940 KZ Dachau
10.11.1944 SS-Sondereinheit Dirlewanger
Wilhelm Eichel wurde am 28. November 1907 als Sohn des Mechanikers Paul Eichel (1871-1931) und seiner Ehefrau Maria (1878-1958) in Vaihingen an der Enz geboren. Er hatte acht Geschwister. Er erlernte den Mechanikerberuf und arbeitete nach Beendigung seiner Lehrzeit ab 1925 als Dreher und Fräser bei der Firma A. Stotz AG in Kornwestheim bis zu seiner betriebsbedingten Entlassung Mitte Mai 1932. Anschließend war er zehn Monte lang arbeitslos.
Im Herbst 1930 trat er der Kommunistischen Partei (KPD) bei. Nach kurzer Zeit wurde er Unterkassier der KPD-Ortsgruppe Vaihingen. Von Mai 1931 bis Sommer 1932 war er Jugendleiter der dortigen Kommunistischen Jugend. Er war auch Gründungsmitglied und später Kassier des der Kampfgemeinschaft für Rote Sporteinheit („Rotsport“) angehörenden Arbeiterkraftsportvereins Vaihingen. Im Zuge der Massenverhaftungen nach der nationalsozialistischen Machtübernahme wurde er als politischer Gegner vom 21. März 1933 bis Ende Juni 1933 im Konzentrationslager Heuberg bei Stetten am kalten Markt interniert.
Danach war er einige Zeit erwerbslos. Mit Unterstützung des damaligen Vaihinger Bürgermeisters Hermann Linkenheil fand Eichel im Februar 1934 eine Stelle als Mechaniker bei der Firma Bosch in Feuerbach. An seinem Arbeitsplatz war sein unmittelbarer Vorgesetzter der Kommunist Erwin Geduldig (1907-1956). Dieser bezog Eichel mit in die illegale Tätigkeit für die KPD ein.
Am 25. Juni 1935 wurde Eichel vorläufig festgenommen und kam anschließend in Untersuchungshaft. Er und zehn weitere Personen wurden wegen Vorbereitung zum Hochverrat angeklagt (unter den Angeklagten befand sich zunächst auch Alfred Grözinger 1). Die Ermittlungen hatten unter anderem ergeben, dass Eichel von seinem Vorgesetzten Geduldig im Oktober 1934 gegen Bezahlung von 50 Pfennig zwei Exemplare der Süddeutschen Arbeiterzeitung (SAZ) ausgehändigt bekommen hatte. In der Folge hatte er bis Anfang 1935 in vier Lieferungen gegen Bezahlung etwa 26 weitere illegale Schriften erhalten. Mit diesen „hochverräterischen Schriften“ hatte er verschiedene Personen in Vaihingen beliefert. Außerdem hatte Eichel mehrfach im Raum Vaihingen und Stuttgart an konspirativen Treffen mit kommunistischen Funktionären teilgenommen. Von diesen wurde er angehalten, beim Aufbau des Unterbezirks Vaihingen der KPD tatkräftig mitzuwirken, mit den früheren Genossen Fühlung zu nehmen und zu versuchen, sie für die illegale KPD zu gewinnen.
Am 3. November 1936 verurteilte das Oberlandesgericht Stuttgart Eichel, der bis dahin nicht vorbestraft war, wegen „Vorbereitung zum Hochverrat“ nach § 83 Reichsstrafgesetzbuch. Das Urteil lautete auf 2 Jahre und 9 Monate Zuchthaus. Von allen Angeklagten in diesem Verfahren erhielt Eichel damit – nach Erwin Geduldig, der mit 4 Jahren und 9 Monaten Zuchthaus bedacht wurde - die zweithöchste Strafe. Unter Anrechnung der Untersuchungshaft wurde für Eichel das Strafende auf den 3. April 1938 angesetzt.
Seine Strafe verbüßte er im Zuchthaus Ludwigsburg und in dessen Zweiganstalt auf dem Hohen Asperg und schließlich ab Mitte April 1937 in dem der Justiz unterstellten Emslandlager Aschendorfer Moor bei Papenburg. Am Tag seiner Entlassung aus der Strafhaft kam er nicht frei, sondern wurde von der Gestapo – Stapoleitstelle Stuttgart - übernommen, die ihn in Schutzhaft nahm. Auf eine Nachfrage seines Bruders Paul vom 17. April bei der Lagerleitung Aschendorfer Moor teilte diese mit, dass Eichel am 3. April 1938 wohl entlassen, "aber auf Beschluss der Geheimen Staatspolizei in Stuttgart zwecks Prüfung der Schutzhaftfrage in das Polizeigefängnis II in Stuttgart übergeführt worden“ sei. Er sei „zu diesem Zwecke am 3.4.38 in das Polizeigefängnis in Papenburg eingeliefert worden". Sein jetziger Aufenthalt sei „hier nicht bekannt“. Diese Auskunft war zwar unbefriedigend aber wohl zutreffend, da es der Gestapopraxis entsprach, dass sie die Justiz über das weitere Verfahren mit entlassenen Strafgefangenen nicht informierte. Und die Angehörigen Eichels blieben im Ungewissen über dessen Schicksal.
Von der Stapoleitstelle Stuttgart wurde Eichel über das Polizeigefängnis Welzheim als Zwischenstation in das Konzentrationslager Dachau überstellt. Auf dem 13 Gestapohäftlinge umfassenden „Sondertransport“ von Welzheim nach Dachau waren neben anderen die späteren Mauthausen-Häftlinge Franz Armbruster, Franz Paul Erath, Johannes Schwarz, Hermannn Seeger, Friedrich Sutter und Otto Wahl. Der Transport traf am 3. Mai 1938 in Dachau ein. Eichel erhielt die Häftlingsnummer 14.060 mit der Kategorie "2 x KL" (= zum zweitenmal im KZ) zugeteilt. Er kam in Block 2, seine Häftlingsfunktion dort war „Stubenältester“.
Erst Mitte Mai erhielt die Familie von ihm ein Lebenszeichen. Er schrieb, dass er „verschärften Haftmaßnahmen“ unterliege:
„1. Ich darf in 1/4 Jahr nur einen Brief empfangen und schreiben.
2. Ich darf in 1/4 Jahr nur 10 RM empfangen.
3. Der Empfang jeglicher Pakete ist verboten“.
Am 25. Mai 1939 wurde er in Dachau gemustert und als tauglich befunden, eine Einberufung zur Wehrmacht zugleich aber ausgeschlossen.
Im Zuge der temporären Umnutzung des Dachauer Lagers für Ausbildungszwecke der SS wurde Eichel am 27. September 1939 mit einem 1.600 Häftlinge umfassenden Sammeltransport in das KZ Mauthausen verlegt, wo der Transport am übernächsten Tag ankam. Ob er dort wie die meisten seiner Schicksalsgenossen im Steinbruch arbeiten musste oder entsprechend seiner beruflichen Qualifikation als Mechaniker Verwendung fand, ist uns nicht bekannt.
Am 18. Februar 1940 kam er mit einem Transport von 390 Häftlingen zurück ins KZ Dachau, wo ihm die neue Häftlingsnummer 49 zugeteilt wurde. Vom 1. bis 22. Juni 1940 kam er aus nicht genannten Gründen in Kommandaturarrest, ebenso für drei weitere Tage im Monat darauf.
1944 schließlich wurde Eichel aus dem KZ Dachau entlassen und in die SS-Sondereinheit Dirlewanger eingereiht. Die Rekrutierung von Häftlingen erfolgte im Lager damals in der Weise, dass die Lagerleitung Mitte Oktober 1944 deutsche Häftlinge aufforderte, sich freiwillig zum Militär zu melden. Das deutsche illegale Lagerkomitee, in welchem die Kommunisten dominierten, beschloss daraufhin, dass möglichst alle Deutschen im Alter von 18 bis 55 Jahren sich auf die „Freiwilligen“-Liste zu setzen hatten. Dem illegalen Lagerkomitee scheint dabei allerdings nicht recht klar gewesen zu sein, dass es sich nicht um eine Anwerbung für die Wehrmacht, sondern für die ob ihrer begangenen Kriegsverbrechen berüchtigte SS-Sondereinheit Dirlewanger handelte. Aus der Vielzahl der Gemeldeten – die Angaben schwanken zwischen 500 und 1.300 Mann - konnte anschließend die Politische Abteilung des KZ (die „Lagergestapo“) ihre Auswahl treffen. Die Wahl scheint ausschließlich auf politische Häftlinge gefallen zu sein. Am 8. November 1944 wurden 194 Schutzhäftlinge „zur Einstellung bei der Brigade Dirlewanger“ aus dem KZ Dachau entlassen – darunter neben Wilhelm Eichel auch Wilhelm Buchmüller, Richard Heim und Otto Morgenstern. Die Häftlinge wurden mit SS-Uniformen ohne Abzeichen eingekleidet und verließen am 10. November das Lager. Via Krakau kamen sie nach Diviaky nad Nitricou in der Slowakei, wo sie dem neu aufzustellenden III./SS-Regiment 2 als 10. Kompanie zugeteilt wurden. Am 21. November kam die 10. Kompanie weiter nach Bad Stuben (Turcinaske Teplice) bei Kremnitz (Kremnica) zur Ausbildung an den Waffen. Von dort schrieb Eichel am 22. November einen letzten erhalten gebliebenen Brief an seine Angehörigen:
"Meine Lieben!
Schon wieder erreichen Euch heute wieder einige Zeilen von mir. Meine Adresse hat sich während dieser Zeit schon wieder geändert, sie lautet jetzt folgendermaßen: SS Schütze Eichel Wilhelm Feldpostnummer 00 512/J (10. Kompanie). Hoffentlich erhalte ich bald Nachricht von Euch.
Mir geht es annehmbar, nur machen mir meine Augen bei Nacht große Beschwerden. Doch wird sich auch hier eine Lösung finden. Die neuen Verhältnisse sind mir noch etwas ungewohnt, denn wenn man so lange Zeit das zivile Leben nicht geführt hat, ist einem der freie Umgang noch etwas fremd."
Eichels SS-Einheit wurde am 11. Dezember gegen die vorrückende Rote Armee im Abschnitt Ipolyság (deutsch: Eipelschlag) in Nordungarn bei Hont in Stellung gebracht. Unter größten Gefahren liefen dort rund 150 ehemalige politische KZ-Häftlinge zur Roten Armee über – darunter auch Wilhelm Eichel (vgl. dazu auch die Biografien Richard Heim, Josef Luger und Otto Morgenstern). Als Kriegsgefangene wurden sie aus der Gefechtszone über das Zuchthaus im ungarischen Vác weiter nach Osten verbracht. Die Hoffnung, als kommunistische Gesinnungsgenossen von den Sowjets freundschaftlich behandelt zu werden, erfüllte sich nach anfänglicher Euphorie nur in sehr beschränktem Maß. Aus sowjetischer Warte erschien es fragwürdig, wie Kommunisten überhaupt deutsche Konzentrationslager überleben konnten und darüber hinaus wirkte es vollends suspekt, dass sie sich dann auch noch in einen verbrecherischen SS-Haufen hatten eingliedern lassen. Über die rumänische Stadt Focșani kamen rund 140 ehemalige „Dirlewanger“ nach Stalino (heute: Donezk). Im dortigen Kriegsgefangenenlager 280/3 wurden sie in Kohlengruben zu härtesten Arbeiten gezwungen. Einer seiner Kameraden berichtete nach seiner Rückkehr aus sowjetischer Kriegsgefangenschaft, er habe Eichel dort am 25. Oktober 1945 noch lebend gesehen. Danach fehlt von ihm jede Spur. 1957 wurde er vom Amtsgericht Vaihingen rückwirkend auf den 31. Dezember 1945 für tot erklärt.
Am 27. Januar 1949 beantragte Wilhelm Eichels Mutter Wiedergutmachung bei der Landesbezirksstelle für die Wiedergutmachung Stuttgart. Sie war bereits im April 1947 vom Landesausschuss Württemberg-Baden der Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes (VVN) als berechtigte Hinterliebene anerkannt worden. Wiedergutmachungsberechtigt waren auch Wilhelm Eichels Geschwister. Als entschädigungsfähig galt der Zeitraum von seiner Festnahme am 25. Juni 1935 bis zu seinem Eintritt in die SS-Sondereinheit Dirlewanger am 10. November 1944. Für die Zeit bei Dirlewanger und in sowjetischer Kriegsgefangenschaft war keine Wiedergutmachung vorgesehen. Die Wiedergutmachungsansprüche wurden von der VVN Stuttgart mit Erfolg vertreten. Innerfamiliär jedoch hat man es vermieden, über Wilhelm Eichels Schicksal zu sprechen.
Die Markierung auf der Übersichtskarte zeigt Wilhelm Eichels Wohnadresse in Vaihingen an der Enz, Kirchplatz 11. Am 7. Oktober 2010 wurde dort für ihn ein Stolperstein verlegt.
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BArch R 3018/9926 Scan #0010. Grözinger wurde dann jedoch angeklagt im Verfahren gegen Lilo Hermann u.a.
Quellen und Literatur
Arolsen Archives
Doc. 10031464; 10637104 (Wilhelm Eichel)
Doc. 130429200 (Zugangsbuch Dachau)
Doc. 130429998 (Zugangsbuch Dachau, neue Nummernvergabe nach Rückkehr vom KZ Mauthausen)
Doc. 9907667 (Stapoleitstelle Stuttgart v. 2.5.38)
Bundesarchiv
R 3018/9237 (Hochverratsverfahren)
Staatsarchiv Ludwigsburg
E 356 d V Bü 1340
EL 350 I Bü 6548
Manfred Scheck: „Nie kämpft es sich schlecht für Freiheit und Recht“. Die Geschichte der Arbeiterbewegung in Vaihingen an der Enz, Vaihingen 2. Aufl. 1988.
Manfred Scheck: Wilhelm Eichel (1907-1945). Ein Opfer des NS-Terrors, in: Schicksale zwischen den Zeilen. Schriftenreihe der Stadt Vaihingen an der Enz. Vaihingen an der Enz 2011, S. 269-280.
Vaihinger Kreiszeitung v. 8.10.2010: Auch Vaihingen hat jetzt seinen Stolperstein.
© Recherche und Text:
Roland Maier, Stuttgart
Stand: April 2026
www.kz-mauthausen-bw.de